Montag, 11. Juni 2012

Studie: Mit Todesnähe wächst Zustimmung zu Intensivbehandlung

Einstellung von Schwerstkranken zu Behandlungen ist starkem Wandel unterzogen

Verändert sich bei schwerkranken Patienten ihre Ansicht bezüglich Therapien am Lebensende? Dieser Frage ging ein niederländisch-belgisch-amerikanisches Team unter der Leitung der niederländischen Palliativmedizinerin Daisy J.A. Janssen vom Zentrum für chronisches Organversagen (CIRO) im niederländischen Horn nach. Das Ergebnis der in Chest (2012; 141,5: 1251-1259) publizierten Studie: Mehr als ein Drittel aller Patienten mit chronischer, fortgeschrittener Erkrankung der Lunge, Herzinsuffizienz oder Nierenversagen änderten innerhalb von 12 Monaten ihre Meinung über eine Einweisung in eine Intensivstation oder Wiederbelebung. Bemerkenswert war der Trend zur Bejahung der Intensivbehandlung (inklusive Beatmung), der bei nahezu der Hälfte der ursprünglichen „Ablehner“ zu beobachten war.

206 Patienten wurden nach ihrem Wunsch bzw. ihrer Ablehnung von Wiederbelebung und Intensivstation befragt. Dabei entschieden sich jeweils rund 150 dafür und rund 50 dagegen (2% waren unentschlossen). Nach vier, 8 und 12 Monten wurde die Befragung wiederholt. Bei der Endbefragung (12 Monate) waren die Patienten nur im Hinblick auf eine Wiederbelebung relativ gleicher Ansicht. Bei der Intensivbehandlung zogen viele ihre anfängliche Ablehnung zurück. Von ursprünglich 44 strikten Ablehnern blieben nur 24, die 20 anderen äußerten dagegen nun eine klare Präferenz für eine Intensivbehandlung. Das ist bemerkenswert, zumal die Studie in Ländern mit hoher (auch gesetzlich fundierter) Akzeptanz des Therapieabbruchs bzw. der aktiven Sterbehilfe entstanden ist. Patientenverfügungen (selbst in so kurzen Zeitspannen) scheinen wenig verlässlich angesichts der Tatsache, dass der Wille zum Leben trotz – oder wegen? – fortschreitender Erkrankung offenbar erstarken kann. Die Autoren schlossen jedenfalls aus der Untersuchung, dass sich mit fortschreitender Erkrankung und damit Todesnähe innerhalb nur eines Jahres die Einstellung von Schwerstkranken so stark verändern kann, dass sie ihre ursprüngliche Entscheidung in Frage stellen.

Quelle: Imabe-Newsletter Juni 2012

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Montag, 16. Januar 2012

Analyse: Intensivmediziner handeln häufig gegen ihre Überzeugungen

Burnout bei Personal auf Intensivstationen als Folge von „akutem moralischem Distress“?

Pflegekräfte und Ärzte auf Intensivstationen handeln häufig entgegen ihren persönlichen Überzeugungen. Dies ergab eine Umfrage in Europa und Israel, die im Journal of the American Medical Association (2011; 306: 2694-2703) veröffentlicht wurde (vgl. Deutsches Ärzteblatt, online 28.12.2011).

Ruth Piers von der Geriatrischen Abteilung der Universitätsklinik Gent/Belgien und Kollegen befragten im Mai 2010 rund 2000 Ärzte und Pflegekräfte. Die Befragten waren an 82 Intensivstationen für Erwachsene in 9 europäischen Ländern und Israel tätig und sollten beantworten, inwieweit sie ihr Handeln sowohl medizinisch als auch ihren persönlichen Überzeugungen entsprechend als angemessen betrachten. Die Rücklaufquote betrug 93 Prozent.

Eine von vier Pflegekräften und einer von drei Intensivmedizinern gaben an, dass sie derzeit wenigstens einen Patienten wider bessere Überzeugung behandelten. Am häufigsten hatten sie den Eindruck einer wenig sinnvollen „Überbehandlung“. Der umgekehrt Falle - dass nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft würden – wurde nur selten angegeben. Der zweithäufigste ethische Vorbehalt betraf die Verteilungsgerechtigkeit und war ein vor allem bei Ärzten verbreitetes Gefühl: Es gebe sicherlich andere Patienten, die das Intensivbett dringender benötigen als ihr aktueller Patient.

Die ethischen Bedenken gegen das eigene Handeln waren mit einer vermehrten Unzufriedenheit am Arbeitsplatz verbunden. Ein Drittel aller Befragten gab an, schon einmal über einen Arbeitsplatzwechsel nachgedacht zu haben. Die Frustration über die unangemessene Behandlung ihrer Patienten war in einer Multivariat-Analyse der stärkste Motivator.

Die Autoren fügen hinzu, dass die Herausforderung für die Intensivmediziner darin bestünde, "auf Intensivstationen die Selbst-Reflexion, das gegenseitige Vertrauen, eine offene Kommunikation und eine gemeinsame Entscheidungsfindung zu fördern, um so das Wohlbefinden des einzelnen Klinikers und die Qualität in Hinblick auf die Patientenversorgung zu verbessern.“

Quelle: IMABE-Newsletter Jänner 2012

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