Montag, 20. Januar 2014

Studie: Interessenkonflikte in Leitliniengruppen führt zur Ausdehnung von Krankheitsdefinitionen


http://www.whosmydoctor.com/

Offenlegung ärztlicher Interessenkonflikte fördert Vertrauen der Patienten

Die Erklärung von Interessenskonflikten ist auf internationaler Ebene für jeden wissenschaftlich tätigen Arzt üblich. Ohne sie darf man in der Regel weder auf Kongressen vortragen, noch in Zeitschriften publizieren. Auch Zahlungen an Ärzte durch Pharmafirmen müssen laut gerichtlicher Anordnung in den USA offengelegt werden (vgl. USA: Fachjournals und Pharmafirmen beschließen gemeinsam ethische Leitlinien). Eine jüngst in PLoS publizierte Studie (DOI: 10.1371/journal.pmed.100150) nimmt die Interessenkonflikte von Personen, die Leitlinien für die Behandlung von Krankheiten wie Bluthochdruck, ADHS, Alzheimer oder Asthma ausarbeiten, unter die Lupe. Das Ergebnis: Finanzielle Verbindungen von Leitlinien-Gruppenmitgliedern zu Firmen, die Medikamente zur Behandlung der jeweiligen Krankheiten anbieten, sind eher die Regel als die Ausnahme.

Die Studie, die Daten aus den Jahren 2000 bis 2013 zu US-Experten auswerteten, die sich mit der (Neu-)Festsetzung von Definitionen und diagnostischen Kriterien befassten, belegt, dass die Industrie gezielt Beziehungen zu jenen Experten pflegt, die über die Ausweitung der Krankheitsdefinitionen und damit über die Größe des Absatzmarktes für Medikamente entscheiden. Damit wird aber der Überdiagnose – eine Diagnose mit negativer Nutzen-Schaden-Bilanz – und der Übertherapie der Weg gebahnt, resümiert das Forum Gesundheitspolitik (online, 19. 12. 2013). 

Und wie steht es um die Offenlegung eines Interessenskonflikts, wenn der Patient seinem Arzt direkt gegenübersitzt und eine konkrete Therapieempfehlung erhält? 

Patienten können einem ärztlichen Rat nicht vertrauen, wenn Ärzte ihre finanziellen Verbindungen zu Pharmaunternehmen verbergen. Ein Patient sollte deshalb aktiv vom behandelnden Arzt über potentielle Interessenskonflikte informiert werden, fordert Leana Wen, Notfallmedizinerin und Direktorin des Patient-Centered Care Research at George Washington University im British Medical Journal (2014; 348: g167). Sie rief nun eine Internet-Plattform Who is my Doctor? ins Leben. Dort haben Ärzte die Möglichkeit, freiwillig für ihre Patienten offenzulegen, welche finanzielle Verbindung sie zu Pharma- und Medizintechnik-Unternehmen haben, ob ihr Gehalt durch die Durchführung von Tests oder Verfahren aufgebessert wird usw.

Die Medizinerin begründet ihre Forderung mit Forschungsergebnissen zum Einfluss von Pharmafirmen auf das ärztliche Verhalten. 94 Prozent der Ärzte hatten einer im New England Journal of Medicine (2007; 356: 1742-1750) publizierten Studie über finanzielle oder materielle Zuwendungen von Pharma- und Medizintechnik-Unternehmen berichtet. Studien haben gezeigt, dass diese Affinitäten auch die Therapieentscheidungen beeinflussen. „Ärzte sollten dazu veranlasst werden, offenzulegen, wie persönliche Anreize Behandlungsempfehlungen im Rahmen der Einholung der Einwilligung beeinflussen können.“ Offenheit führe zu einer besseren Kommunikation, verbessere das Vertrauen und damit den Zugang zu einer besseren Versorgung, ist Wen überzeugt. 

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Dienstag, 12. April 2011

Interessenkonflikte: Was Pharmakonzerne US-Ärzten zahlen

Deutsche Arbeitsgruppe publiziert Leitlinien zu mehr Transparenz und Vertrauen

Ein Gesetz und gerichtliche Anordnungen zwingen die Arzneimittelhersteller in den USA, ihre Zahlungen an Ärzte offen zu legen. Dieser Tage nannten drei Konzerne Zahlen, berichtet das Deutsche Ärzteblatt (online, 1.4.2011). Ein Beispiel: Pfizer wurde im Oktober 2009 wegen eines Verstoßes der Tochter Pharmacia & Upjohn gegen Marketingregeln zu einer Rekordstrafe von 2,3 Milliarden US-Dollar verurteilt. Außerdem wurde der Konzern verpflichtet, künftig alle Zahlungen an US-Ärzte offen zu legen, was Pfizer nun tat.

Zwischen Januar und Dezember 2010 wurden nach Angaben des Konzerns insgesamt 177 Millionen US-Dollar an fast 200.000 “healthcare professionals”, also in erster Linie Ärzte gezahlt. Darunter fielen Rednerhonorare (im Durchschnitt 7.400 US-Dollar pro Person), Beratertätigkeiten (im Durchschnitt 6.200 US-Dollar pro Person) sowie Vergütungen für Essen (insgesamt 18 Mio. US-Dollar), Reisekosten (5,8 Mio. US-Dollar) und Fortbildungen (1,7 Mio. US-Dollar). Pfizer kündigte an, die Angaben vierteljährlich zu aktualisieren.

Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Mainz und Vorstandsmitglied der Anti-Korruptions-Ärzteinitiative MEZIS ("Mein Essen zahle ich selbst"), hat mit Vertretern verschiedener Institutionen des Gesundheitswesens eine informelle Arbeitsgruppe Interessenkonflikte in der Medizin konstituiert. Diese hat nun Leitlinien für eine angemessene Erfassung von Interessenkonflikten, den Umgang damit und deren Reduzierung im Deutschen Ärzteblatt (2011; 108(6): A 256–60) publiziert. „Generell lässt sich sagen: Je enger die einem Interessenkonflikt zugrundeliegende Beziehung ist, je größer die Entscheidungsbefugnis einer Person ist und je weitreichendere Konsequenzen eine Entscheidung haben kann, desto strikter muss der Umgang mit Interessenkonflikten sein.“

Die Verzerrungen, die in industriegesponserten Studien häufig zu finden sind, können zur Folge haben, dass der Nutzen von Arzneimitteln überschätzt und die möglichen Schäden unterschätzt werden, was für den Patienten eine Gefährdung darstellen kann. Einige Beispiele dafür hat die kritische Internetplattform Forum Gesundheitspolitik zusammengestellt.

Quelle: IMABE-Newsletter April 2011

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