Dienstag, 11. Februar 2014

Österreich: Ärzte verschreiben Kindern zunehmend Psychopharmaka

Zunahme von Psychopathien bei Kindern wird von Experten angezweifelt

Der Trend ist besorgniserregend: Kindern und Jugendlichen werden immer häufiger Psychopharmaka verschrieben. So stieg in Österreich die Zahl der Jugendlichen, die Antidepressiva erhielten, zwischen 2009 und 2012 von rund 36.300 auf 41.000, und bei der Gruppe der Null- bis Vierjährigen ist die Zahl von 1.600 auf 2.200 geklettert. Das geht aus einem 70 Seiten starken Bericht zur Lage der Antidepressiva für Kinder 2005-2012 (online, 21. 1. 2014) des Bundesministeriums für Gesundheit hervor, der kürzlich auf eine parlamentarische Anfrage des Team Stronach veröffentlicht wurde. 

In den letzten Jahren zeigte sich in vielen westlichen Industrieländern sowohl im Erwachsenen- als auch im Kinder- und Jugendbereich eine deutliche Zunahme (bis zu 750 Prozent zwischen 1993 – 1998 und 2005 – 2009) der Verordnung von Antipsychotika. In Deutschland etwa stieg von 2005 bis 2012 der Anteil jener jungen Patienten, die zur Behandlung ihrer Symptome mindestens ein Neuroleptikum – auch Antipsychotika genannt – erhielten, um 41 Prozent. Die Antidepressiva- Verordnungen stiegen um 49,2 Prozent, die Verschreibungen von ADHS-Medikamenten (Stimulanzien, z. B. Atomoxetin) gar um 62,4 Prozent.
Dies ist das Ergebnis einer Auswertung, die jüngst im Deutschen Ärzteblatt (2014; 111(3): 25- 34; DOI:10.3238/arztebl.2014.0025) publiziert wurde. Für ihre Analyse hatten die Studienautoren um den Kinder- und Jugendpsychiater Christian Bachmann von der Universität Marburg die Versichertendaten der Barmer GEK von mehr als 1,5 Millionen Kindern und Jugendlichen ausgewertet. 

Wie aber lässt sich der Anstieg der Verordnungen erklären? Anders als in Österreich, wo etwa Psychiaterin Gabriele Fischer von der Medizinischen Universität Wien die Zunahme der Verschreibungen begrüßte, diese einer verbesserten Diagnostik zuschrieb und schließlich einen Mangel an Kinderpsychiatern beklagte (vgl. Ö1-Interview, online, 23. 1. 2014), stellt sich die Lage für deutsche Kollegen etwas anders dar.
Bachmann und seine Kollegen vermuten drei Gründe für den Trend: Medikamentöse Therapien durch Antipsychotika lassen sich schneller verschreiben als eine psychotherapeutische Behandlung in Gang zu setzen. Zweitens kann die vermehrte Verschreibung von Antipsychotika auch die Folge des intensiven Marketings pharmazeutischer Unternehmen sein. Und nicht zuletzt: Wo es mehr Ärzte gibt, da gibt es auch mehr Verschreibungen. Die Zahl der Kinderpsychiater ist im Untersuchungszeitraum um 61 Prozent gestiegen, die der Pädiater um 10 Prozent. Eine Zunahme psychischer Störungen lasse sich dagegen nicht belegen. 

Die Studienautoren fordern angesichts der Diskrepanz zwischen vorhandener Evidenz und Verschreibungspraxis Langzeitstudien, die Wirkungen und Nebenwirkungen von Antipsychotika bei Kindern und Jugendlichen untersucht.

Foto: © www.foto-fine-art.de / pixelio.de

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Donnerstag, 13. Dezember 2012

Studie: Studenten nehmen deutlich mehr Psychopharmaka

Verschreibung der Medikamente hat sich in vier Jahren verdoppelt

Studenten in Deutschland werden heute doppelt so viele Psychopharmaka verschrieben als noch vor vier Jahren: 2010 erhielt ein Student statistisch betrachtet 13,5 Tagesdosen, um 55 Prozent mehr als 2006 (8,7 Tagesdosen). Jedes fünfte Medikament, das ein Hochschüler konsumiert, war ein Psychopharmakon, wobei sich der Anteil der Antidepressiva um 40 Prozent erhöhte. Das ist das Ergebnis einer von der Techniker Krankenkasse (TK) zur gesundheitlichen Situation von Studierenden im Alter von 20 und 35 Jahren veröffentlichten Studie (vgl. Pressemitteilung, online 28. 11. 2012). Der Verbrauch von Psychopharmaka unter Hochschülern stieg stärker als unter gleichaltrigen Berufstätigen. In dieser Gruppe erhöhte sich die Quote von 7,1 Dosen im Jahr 2006 auf 9,9 Dosen 2010. Das entspricht einem Plus von 39 Prozent. 

Gründe für den gestiegenen Psychopharmaka-Konsum nannte die TK nicht, sie verwies aber auf eine Umfrage, wonach jeder zehnte Student angibt, dass er bzw. sie zur Bekämpfung von Stress Psychopharmaka nehme. 

Gibt es tatsächlich mehr psychische Kranke? Oder bloß mehr Verschreibungen von Psychopharmaka? Diese Frage lässt die TK-Studie unbeantwortet. Der Vorwurf der Erfindung neuer Krankheiten zwecks Steigerung des Absatzes von Produkten der Pharmaindustrie wurde ja im Vorfeld der Neuauflage des Psychiatrie-Handbuchs Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) in Expertenkreisen heftig diskutiert (vgl. Psychiatrie: Mediziner warnen vor Erfindung von Pseudo-Krankheiten). Anfang Dezember 2012 hat nun die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft endgültig grünes Licht für die Neuauflage des ab Mai 2013 erhältlichen DSM-5 gegeben (vgl. Pressemitteilung, online 1. 12. 2012). 

Einige Punkte blieben darin bis zuletzt umstritten, so der Passus über Depression. Laut DSM-5 wird bereits eine länger anhaltende Trauer – etwa nach dem Tod eines geliebten Menschen – als behandelbare Krankheit eingestuft (vgl. Nature, 4. 12. 2012).

Quelle: IMABE-Newsletter Dezember 2012

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