Montag, 15. September 2014

Imago-Hominis-Vorschau: Ethik in der Pädiatrie

Die Behandlung von Kindern stellt Mediziner und Pflegekräfte vor besondere Herausforderungen – in Kommunikation, Therapieentscheidungen und ethischen Fragen. Kinder erleben Krankheit und Schmerz anders, haben altersgemäße Möglichkeiten sich auszudrücken – und auch ihre psychischen Möglichkeiten des Umgangs mit Krankheit unterliegen einer eigenen Dynamik. Angehörige, insbesondere Eltern, sind bei einer schweren Erkrankung des Kindes in einer Krisensituation. Sie brauchen besondere Betreuung, um so gemeinsam mit dem Behandlungsteam zu adäquaten Therapieentscheidungen zu kommen. 

Reinhard J. Topf (Leiter der Psychosozialen Abteilung, St. Anna Kinderspital, Wien) zeigt auf, wie Eltern häufig die Ursachen der Krebsentstehung und die „Schuld“ bei sich selbst oder in ihrer nächsten Umgebung suchen. Psychosoziale Faktoren werden dabei häufig überschätzt. Der Beitrag versucht einerseits den psychologischen Hintergrund dieser Situation zu beleuchten, andererseits mögliche Argumentationshilfen für die Gesprächsführung in der Betreuung dieser Familien anzubieten. 

Die Kinderanästhesistin Christina Justin (Klinische Abteilung für Herz-, Thorax-, Gefäßchirurgische Anästhesiologie und Intensivmedizin, Meduni Graz) konstatiert, dass die Schmerztherapie bei Kindern lange Zeit vernachlässigt wurde. Aus den Grundlagen ärztlichen Handelns ergibt sich die Notwendigkeit, kindlichen Schmerzzuständen große Aufmerksamkeit zu schenken, denn in der Kindheit erlebter Schmerz ist prägend für ein ganzes Leben. Die Anästhesistin zeigt anhand des biosozialen Krankheitsmodells Möglichkeiten der kindlichen Schmerzerfassung und -therapie auf. 

Der Pädiatrische Fallbericht behandelt das ethisch brisante Problem des Leben- und Sterbenlassens bei genetisch schwer geschädigten Neugeborenen. Der Fallkommentar des Ethikers Enrique H. Prat (IMABE, Wien) beleuchtet darin die entscheidenden Fragen: Welche medizinischen Maßnahmen sind für ein Neugeborenes, für das ein Überleben von wenigen Tagen oder Wochen prognostiziert ist, überhaupt sinnvoll? Wie klein müssen Überlebenschancen sein, um auf eine lebensverlängernde Therapie zu verzichten? Wenn Eltern im Zuge der Pränataldiagnostik von einer Trisomie 18 ihres Kindes erfahren, werden sie häufig mit dem Rat konfrontiert, die Schwangerschaft vorzeitig zu beenden. Was heißt es, die Menschenwürde in so einer dramatischen Situation zu achten? 

Weitere zwei Beiträge zu aktuellen Themen runden die vorliegende Ausgabe ab: Jakob Cornides (Jurist, Brüssel) diskutiert kritisch die in Österreich bis Dezember 2014 geplante Änderung des Fortpflanzungsmedizingesetzes, wonach sich lesbische Paare via anonymer Samenspende einen Kinderwunsch erfüllen lassen könnten. 

Die Wiener Pharmakologin und Ethikerin Margit Spatzenegger legt die Problematik der Endokrinen Disruptoren (EDCs) dar, die in der westlichen Konsumwelt eine große Rolle spielen. Mittlerweile werden EDCs u. a. von der Europäischen Umweltbehörde mit einer Reihe von gesundheitlichen Schädigungen des Menschen in Zusammenhang gebracht, wie Fertilitätsstörungen, Missbildungen bei Nachkommen, Entwicklungsstörungen oder erhöhten Risiken der Krebsentstehung. Spatzenegger analysiert, welche Herausforderungen die Umwelt- und Tierethik für Lebensstil und Toxikologie bedeuten, und plädiert für einen tugendethischen Ansatz. 

Eine Vorschau der Imago-Hominis-Ausgabe 3/2014 mit dem Schwerpunkt „Ethik in der Pädiatrie“ findet sich auf http://www.imabe.org/index.php?id=1522, das Einzelheft kann um 10 Euro zzgl. Versandkosten bezogen werden.

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Studie: Öffentliches Rauchverbot schützt auch Gesundheit von Kindern

WHO warnt vor E-Zigarette für Jugendliche als „Tor zum Rauchen“

Raucher sterben früher. Laut einer aktuellen im BioMedCentral (doi:10.1186/1741-7015-12-59) publizierten Studie verliert ein Mann, der über zehn Zigaretten pro Tag raucht, 9,4 Jahre an Lebenserwartung, eine Frau 7,3 Jahre. Auch ein moderater Konsum von weniger als zehn Zigaretten pro Tag würde laut Studie die Lebenserwartung bei beiden Geschlechtern immer noch um etwa fünf Jahre reduzieren. 

Weltweit sterben jährlich mehr als 600.000 Menschen an den Folgen des Passivrauchens. Rund 165.000 davon sind Kinder (vgl. IMABE 2010: Jährlich 600.000 Tote durch Passivrauchen). Bereits 16 Prozent der Weltbevölkerung ist heute durch Gesetze vor einer Passivrauchexposition geschützt. Die halbherzige österreichische Lösung – getrennte Bereiche für Raucher und Nichtraucher in der Gastronomie – bietet keinen ausreichenden Schutz für Nichtraucher (vgl. IMABE 2013: Public Health: Billiges Rauchen hat teure Folgen). Die neue SP-Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser will mit Ausnahmen vom Rauchverbot in der Gastronomie Schluss machen. In fünf Jahren soll der Stichtag sein (vgl. Standard, online, 2. 9. 2014). 

Rauchverbote in der Gastronomie, an öffentlichen Orten und Betrieben wirken sich positiv auf die Gesundheit der Bevölkerung aus – nicht nur bei Erwachsenen. Eine im Lancet veröffentlichte Meta-Analyse (2014; doi: 10.1016/S0140-6736(14)60082-9) zeigte, dass die Zahl von Frühgeburten und schweren Asthmaerkrankungen bei Kindern dank öffentlicher Rauchverbote zurückgeht. Tendenziell wurden weniger Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht geboren. Tabakkonsum gilt als einer der wichtigsten Risikofaktoren für Frühgeburten und Asthmaleiden. Die elf vom Forscherteam rund um Jasper Been vom Medizinischen Zentrum der Universität Maastricht untersuchten Studien aus den USA und Europa (2008 bis 2013) umfassten 2,5 Millionen Geburten und 250.000 Asthmaanfälle, die in einem Krankenhaus behandelt werden mussten. Der Effekt des Schutzes zeigt sich rasch: Innerhalb nur eines Jahres nach Erlass eines Rauchverbots sank die Zahl an Frühgeburten und schweren Asthmafällen um jeweils mindestens zehn Prozent. 

Als Fehlentwicklung kritisiert die WHO nun die irreführende Werbung für elektronische Zigaretten. Sie werde als harmlosere Variante des Rauchens verkauft, könne aber als „Tor zur Nikotinsucht“ letztlich auch den Tabakkonsum junger Leute steigern, berichtet das Deutsche Ärzteblatt (online, 26. 8. 2014). Der Konsum der elektronischen Zigaretten, bei denen anstelle von Tabak aromatisierter und meist mit Nikotin angereicherter Dampf inhaliert wird, stelle außerdem für Föten und Heranwachsende eine „ernsthafte Gefahr” dar und könne langfristig zu Hirnschäden führen, erklärte die WHO. Sie fordert daher ein Verbot des Verkaufs von E-Zigaretten an Minderjährige. 

Seit der Einführung der E-Zigarette im Jahr 2005 durch einen einzelnen chinesischen Hersteller sind nach WHO-Angaben mehr als 460 Marken in über 60 Ländern in die Produktion gegangen. Angeboten würden inzwischen fast 8.000 Geschmackssorten, der weltweite Umsatz betrage schätzungsweise drei Milliarden Dollar (2,27 Milliarden Euro).

Foto:  Dörthe Huth / pixelio.de

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Dienstag, 8. Juli 2014

Studie: Aufwachsen bei leiblichen Eltern minimiert Traumarisiko für Kinder

70 Prozent blieben traumatische Erfahrungen überhaupt erspart

Der Einfluss von Familie als positiver als auch negativer Determinante von Gesundheit ist bekannt. Traumatische Kindheitserlebnisse können lange nachwirken, mit schweren gesundheitlichen Langzeitfolgen. Eine US-amerikanische Studie verglich nun das Risiko eines traumatischen Erlebnisses in der Kindheit mit der Familienkonstellation. Das Ergebnis der im National Health Statistics Reports publizierten Studie (2014; 74: 7): Kinder, die mit ihren leiblichen Eltern lebten, hatten das geringste Risiko, traumatische Erfahrungen machen zu müssen.

Die vom Center for Disease Control and Prevention durchgeführte Studie beruht auf einer im Auftrag des US-Gesundheitsministeriums geplanten landesweiten Untersuchung im Zeitraum 2011/12 zur Gesundheit von Kindern. Es wurden 95.677 Umfrageinterviews in Haushalten mit Kindern zwischen 0 und 17 Jahren durchgeführt. Mit traumatischer Erfahrung wurden in der Studie benannt: Erleben von Scheidung oder Trennung der Eltern, Tod eines Elternteils, Inhaftierung eines Elternteils; Erleben von psychischen Krankheiten in der Familie, Alkohol- oder Drogenmissbrauch; von häuslicher Gewalt, Kindesmissbrauch, Gewalt in der Nachbarschaft, Rassismus und Armut.

70 Prozent der Kinder, die bei beiden biologischen Eltern leben, sind laut den Autoren traumatische Erfahrungen überhaupt erspart geblieben. In anderen familiären Konstellationen sieht die Situation wesentlich ungünstiger aus. 78 Prozent der Kinder, die bei nur einem biologischen Elternteil leben, mussten eines oder mehrere dieser traumatischen Ereignisse erfahren. Für Kinder, die bei keinem ihrer biologischen Eltern leben, ist die Lage noch schlechter: 81 Prozent der Kinder in Pflegefamilien oder bei anderen Verwandten waren von einem oder mehreren traumatischen Erlebnissen betroffen, 30 Prozent dieser Gruppe sogar von vier oder mehr Ereignissen.

Insgesamt leben in den USA 63 Prozent der Kinder mit beiden leiblichen Eltern, 22 Prozent leben mit einem Elternteil und 3 Prozent ohne Eltern. Die restlichen, rund 12 Prozent der Kinder gehören Haushalten nicht-biologischer Eltern (Stief- oder Adoptiveltern) an. Diese Gruppe wurde in der Studie nicht berücksichtigt, ebenso wenig das Haushaltseinkommen oder andere demografische Faktoren. Dennoch seien die Zahlen laut Autoren aussagekräftig dafür, dass Kinder in der Obhut der beiden biologischen Eltern am ehesten traumatischen Erfahrungen entgehen können. (vgl. Imabe-Info 2009: Familie und Krankheit)

Foto: © Wilhelmine Wulff / pixelio.de

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Dienstag, 11. Februar 2014

Österreich: Ärzte verschreiben Kindern zunehmend Psychopharmaka

Zunahme von Psychopathien bei Kindern wird von Experten angezweifelt

Der Trend ist besorgniserregend: Kindern und Jugendlichen werden immer häufiger Psychopharmaka verschrieben. So stieg in Österreich die Zahl der Jugendlichen, die Antidepressiva erhielten, zwischen 2009 und 2012 von rund 36.300 auf 41.000, und bei der Gruppe der Null- bis Vierjährigen ist die Zahl von 1.600 auf 2.200 geklettert. Das geht aus einem 70 Seiten starken Bericht zur Lage der Antidepressiva für Kinder 2005-2012 (online, 21. 1. 2014) des Bundesministeriums für Gesundheit hervor, der kürzlich auf eine parlamentarische Anfrage des Team Stronach veröffentlicht wurde. 

In den letzten Jahren zeigte sich in vielen westlichen Industrieländern sowohl im Erwachsenen- als auch im Kinder- und Jugendbereich eine deutliche Zunahme (bis zu 750 Prozent zwischen 1993 – 1998 und 2005 – 2009) der Verordnung von Antipsychotika. In Deutschland etwa stieg von 2005 bis 2012 der Anteil jener jungen Patienten, die zur Behandlung ihrer Symptome mindestens ein Neuroleptikum – auch Antipsychotika genannt – erhielten, um 41 Prozent. Die Antidepressiva- Verordnungen stiegen um 49,2 Prozent, die Verschreibungen von ADHS-Medikamenten (Stimulanzien, z. B. Atomoxetin) gar um 62,4 Prozent.
Dies ist das Ergebnis einer Auswertung, die jüngst im Deutschen Ärzteblatt (2014; 111(3): 25- 34; DOI:10.3238/arztebl.2014.0025) publiziert wurde. Für ihre Analyse hatten die Studienautoren um den Kinder- und Jugendpsychiater Christian Bachmann von der Universität Marburg die Versichertendaten der Barmer GEK von mehr als 1,5 Millionen Kindern und Jugendlichen ausgewertet. 

Wie aber lässt sich der Anstieg der Verordnungen erklären? Anders als in Österreich, wo etwa Psychiaterin Gabriele Fischer von der Medizinischen Universität Wien die Zunahme der Verschreibungen begrüßte, diese einer verbesserten Diagnostik zuschrieb und schließlich einen Mangel an Kinderpsychiatern beklagte (vgl. Ö1-Interview, online, 23. 1. 2014), stellt sich die Lage für deutsche Kollegen etwas anders dar.
Bachmann und seine Kollegen vermuten drei Gründe für den Trend: Medikamentöse Therapien durch Antipsychotika lassen sich schneller verschreiben als eine psychotherapeutische Behandlung in Gang zu setzen. Zweitens kann die vermehrte Verschreibung von Antipsychotika auch die Folge des intensiven Marketings pharmazeutischer Unternehmen sein. Und nicht zuletzt: Wo es mehr Ärzte gibt, da gibt es auch mehr Verschreibungen. Die Zahl der Kinderpsychiater ist im Untersuchungszeitraum um 61 Prozent gestiegen, die der Pädiater um 10 Prozent. Eine Zunahme psychischer Störungen lasse sich dagegen nicht belegen. 

Die Studienautoren fordern angesichts der Diskrepanz zwischen vorhandener Evidenz und Verschreibungspraxis Langzeitstudien, die Wirkungen und Nebenwirkungen von Antipsychotika bei Kindern und Jugendlichen untersucht.

Foto: © www.foto-fine-art.de / pixelio.de

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Montag, 8. Oktober 2012

Studie: Körperliche Bewegung macht Kinder auch psychisch fit

Positives Selbstbild und soziale Interaktion durch Sport sind protektive Faktoren

Bewegung tut Leib und Seele gut. Doch was genau steckt hinter dieser Alltagserfahrung? Wie hängen körperliche Aktivität und psychische Gesundheit zusammen? Dieser Frage gingen Karin Monshouwer vom Trimbos Institute in Utrecht gemeinsam mit Soziologen und Public Health-Experten der VU Medical Center und der VU University of Amsterdam nach.

Die Forscher werteten im Rahmen einer Langzeitstudie Daten von mehr als 7.000 niederländischen Schülern im Alter zwischen 11 und 16 Jahren aus. Dabei wurden nicht nur gesundheitliche Fakten wie Körpergewicht, sportliche Aktivität und mentale Verfassung erfasst, sondern auch soziale – etwa der sozioökonomische Status, Freundeskreis, Familiensituation und das Selbstbild der Probanden. 

Das Ergebnis der im Fachjournal Clinical Psychological Science publizierten Studie (DOI: 10.1177/2167702612450485): Jugendliche, die kaum Bewegung machten oder ihren Körper entweder als „zu dick“ oder „zu dünn“ wahrgenommen hatten, zeigten ein höheres Risiko für sowohl internalisierende Probleme (z. B. Depression, Angst) als auch externalisierende Konflikte (z. B. Aggression, suchtabhängiges Verhalten). Jugendliche, die regelmäßig im organisierten Sport teilnahmen, hatten dagegen ein niedrigeres Risiko für psychische Probleme. 

Monshouwer sieht durch die Daten zwei Hypothesen bestätigt: Bewegung führt demnach über den Umweg der körperlichen Fitness zu positiven Reaktionen durch Gleichaltrige, was wiederum das Selbstbild stärkt. Und Sport ist, wo er im Team wie in Schulen oder Vereinen betrieben wird, auch eine soziale Übung. Auch das festige die psychische Gesundheit. 

Diese Ergebnisse legen nahe, dass bestimmte psychosoziale Faktoren – Körperbild und soziale Interaktion – dazu beitragen können, zumindest einen Teil der Verbindung zwischen körperlicher Aktivität und psychischer Gesundheit zu erklären. Andere Faktoren wie die physiologischen Auswirkungen im Gehirn, die durch Bewegung „in Gang“ kommen (vgl. die kürzlich publizierte Studie in Neuroscience (2012: 215. 59–68), spielten ebenfalls eine Rolle. 

„Diese Erkenntnisse sind für die Politik wichtig. Unsere Ergebnisse zeigen, dass körperliche Aktivität ein wirksames Instrument für die Prävention von psychischen Problemen in der Adoleszenz sein kann“, sagt Monshouwer. Die Soziologin und ihre Kollegen hoffen auf weitere Studien, um die Zusammenhänge zwischen körperlicher Aktivität und geistiger Gesundheit besser zu verstehen.

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Montag, 17. September 2012

Studie: Kinder von Rauchern sind häufiger krank

Schwächere Hustenreflexe verhindern Abwehr von Pathogenen aus der Umwelt

Passivrauchen ist für Kinder schädlich, auch deshalb, weil es die Hustenreflexe abschwächt. So leiden Kinder von Rauchern häufiger an Lungenerkrankungen, da sie gefährliche Pathogene schlechter abwehren können. Das haben Wissenschaftler des Monell Centers in Philadelphia herausgefunden und in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals Tobacco and Nicotine Research (doi: 10.1093/ntr/nts198) publiziert, wie das Deutsche Ärzteblatt (online 20.8.2012) berichtet.

Ärzte beobachten schon länger, dass Kinder, deren Eltern oder ein Elternteil rauchen, häufiger krank sind. Sie leiden dabei oft an Infektionen wie Pneumonie oder Bronchitis. Ebenso greifen sie im Jugendalter signifikant häufiger zur Zigarette als ihre Altersgenossen aus nicht rauchenden Elternhäusern und sind somit langfristig einem höheren Krankheitsrisiko ausgesetzt. Die Autoren aus Philadelphia unter der Leitung von Paul Wise wollten aber den genauen Mechanismus klären, der hinter diesen Beobachtungen steckt. Sie wussten, dass der Hustenreflex erwachsener Raucher abgeschwächt ist und wollten überprüfen, ob dies auch bei passiv rauchenden Kindern der Fall und somit Ursache für die häufigeren Infektionsraten ist.

Dazu ließen sie ihre Probanden im Alter zwischen 10 und 17 Jahren über ein spezielles Inhaliergerät Capsaicin einatmen, das einen Hustenreflex auslöst, erhöhten sukzessive die Dosis und maßen die Schwellendosis, bis die Kinder zweimal gehustet hatten.

Es stellte sich heraus, dass die passiv rauchenden Kinder im Vergleich zu den nicht exponierten Altersgenossen eine doppelt so hohe Dosis Capsaicin für ein zweimaliges Husten benötigten. Damit lag ihre Schwellendosis in einem ähnlichen Verhältnis wie bei ihren rauchenden Eltern. Die Forscher meinen, ein wenig sensibler Hustenreiz könnte Kinder rauchender Eltern daran hindern, Pathogene aus der Umwelt abzuwehren, womit sich ihr Risiko für eine Lungenerkrankung erhöht. Außerdem verdeutliche die Studie, dass ein passiv rauchendes Kind auch dann gefährdet ist, wenn es nicht hustet, also den Eltern gesund erscheint.

Quelle: IMABE-Newsletter September 2012

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Dienstag, 15. November 2011

Israel: Kinder klagen auf Schadenersatz für ihre Existenz

Verfügbarkeit von nicht-invasiven genetischen Tests erhöht Druck auf Ärzte und Eltern

Immer mehr israelische Kinder mit Geburtsdefekten gehen zu Gericht und klagen Ärzte dafür, dass sie ihre Geburt zugelassen hätten. Der Anstieg bei den sogenannten „wrongful life“-Klagen (mittlerweile handelt es sich um an die 600 Fälle seit 1987) hat eine Untersuchung seitens der Regierung ausgelöst. Medizinethiker mahnen angesichts des Trends auf Schadenersatzklagen von Kindern im New Scientist (online, 26.10.2011), dass diese Fälle eine ernste ethische Sorge bedeuten – nicht zuletzt im Hinblick auf den Wert des Lebens behinderter Personen. Sie würden außerdem fördern, dass sich Ärzte in der Bewertung diagnostischer Verfahren zunehmend absichern, mit dem Ergebnis, dass im Zweifelsfall auch gesunde Föten der Abtreibung zum Opfer fallen. Offenbar gäbe es inzwischen auch unterbeschäftigte Anwälte, die Gebiete in Israel mit höheren Raten an (inzucht-bedingten) genetischen Defekten bereisen, um ihre „Hilfe“ anzubieten.

„Ich kann schwerlich nachvollziehen, dass Eltern sich in den Zeugenstand begeben, um ihren Kindern zu bestätigen, dass diese nicht hätten geboren werden sollen“, sagt Rabbi Avraham Steinberg von der Hebrew University-Hadassah Medical School in Jerusalem. „Was bedeutet dies wohl für die Psychologie dieser Kinder?“. Der gegenwärtige Trend in Israel geht allerdings dahin, dass die Kinder mit Behinderungen selbst Schadenersatz für ihre von ihnen nicht gewollte Existenz einklagen.

Diese bedenkliche Entwicklung wird durch die in Israel sehr populäre pro-genetische Testkultur verstärkt. „Es gibt da ein ganzes System – wobei es um viel Geld geht -, das die Forderung nach einem perfekten Baby unterstützt“, sagt die Juristin und Medizinethikerin Carmel Shalev von der Universität von Haifa. „Alle wollen da mitnaschen – Eltern, Ärzte, Labors: Die Eltern wollen ein gesundes Baby, die Ärzte raten zu den Tests, und so mancher genetischer Test kommt viel zu früh auf den Markt. Gentests bringen einen Haufen Geld, werden aber zu viel und sogar missbräuchlich eingesetzt“, kritisiert Shalev.

In Israel sind bei genetischen Tests, Embryonenforschung, Klonen usw. kaum gesetzliche Schranken gesetzt, auch Spätabtreibung (nach der 22. Woche bis zu Geburt) ist erlaubt. In Österreich wurde ein Schadenersatzanspruch des (behinderten) Kindes im Hinblick auf das unerwünschte eigene Leben ("wrongful life") durch den OGH in einer Entscheidung aus dem Jahr 1999 ausgeschlossen. Dass die neuen Möglichkeiten auch eine neue ethische Debatte fordern, wurde jüngst in Nature diskutiert (2011: 478, 440 (2011), doi:10.1038/478440a). Die steigende Verfügbarkeit von nicht-invasiven genetischen Tests erhöhe den Druck auf Eltern und Ärzte.

Quelle: IMABE-Newsletter November 2011

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Freitag, 18. März 2011

Präventionsprogramme für Kinder oft ineffektiv

Berlin – Präventionsprogramme für Kinder und Jugendliche in Deutschland sind oft ineffektiv und erreichen die Zielgruppe nicht. Das berichteten sieben Experten den Fachpolitikern der fünf Bundestagsfraktionen auf einer öffentlichen Anhörung der Kinderkommission (Kiko) des Deutschen Bundestages zum Thema „Prävention, Ernährung, Palliativmedizin und Hospize“.

Thomas Altgeld von der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen kritisierte in der Anhörung weniger die Vielfalt der Präventionsangebote von Krankenkassen, Trägern und Vereinen als ihre Konzentration auf Schulen und Kindertagesstätten.

„Problematisch ist, dass diese Programme häufig inhaltlich gleich formuliert und fast ausschließlich mittelschichtsorientiert sind“, sagte Altgeld. Sie erreichten die sozialen Gruppen oft nicht, die diese Angebote vorrangig ansprechen sollten.

Auch Peter Lang von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erläuterte, dass die Eltern als erste Zielgruppe befähigt werden müssten, richtige Entscheidungen für ihre Kinder zu treffen. Aus diesem Grund fördere die Bundeszentrale auch Hebammen und Ärzte, damit diese Gruppen schon früh werdende Eltern ansprächen.

Andrea Lambeck von der „Plattform Ernährung und Bewegung“, konnte eine „leichte Trendwende“ zum Positiven bei der Messung des Gewichts bei Schuleingangsuntersuchungen von Kindern feststellen.

„Dennoch sehe ich die Probleme noch nicht gelöst“, sagte sie. Mindestens zwei Stunden pro Tag säßen Kinder im Durchschnitt vor dem Fernseher oder Computer, Bewegung und körperliche Anstrengung nähmen nur eine halbe Stunde pro Tag ein. Sie bestätigte die Aussage ihrer Vorredners: „Durch die bisher praktizierten Maßnahmen erreichen wir zu wenig sozial Schwache“, sagte sie.

Quelle: aerzteblatt.de vom 17. März 2011

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Montag, 29. November 2010

Mehr als 600 000 Tote durch Passivrauchen

Etwa jeder hundertste Todesfall pro Jahr ereignet sich als Folge des Passivrauchens, das jährlich weltweit mehr als 600 000 Menschenleben fordert. Unter diesen Toten finden sich etwa 165 000 Kinder. Dies folgert ein bereits vorab online veröffentlichter aktueller Artikel, verfasst von Dr. Annette Prüss-Ustün und Kollegen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf. Die Studie ist die erste, die das globale Ausmaß des Passivrauchens bewertet.

Um für den Vergleich eine gewisse Beständigkeit zu erhalten, verwendeten die Autoren für ihre Analyse Daten des Jahres 2004, da dies das letzte Jahr war, in dem umfassende Daten über 192 Länder hinweg erhoben wurden. Sie schätzten Todesfälle wie auch den Verlust an Lebensjahren bei guter Gesundheit (behinderungsbereinigte Lebensjahre, DALYs).

Im Jahr 2004 waren weltweit 40 Prozent der Kinder, 33 Prozent männliche Nichtraucher und 35 Prozent weibliche Nichtraucher dem Passivrauchen ausgesetzt. Diese Belastung hat vermutlich 379 000 Todesfälle durch ischämische Herzerkrankungen, 165 000 durch Infektionen der unteren Atemwege, 36 900 durch Asthma und 21 400 durch Lungenkrebs verursacht. 603 000 Todesfälle konnten 2004 dem Passivrauchen zugeordnet werden, dies entsprach etwa 1,0 Prozent der weltweiten Sterblichkeit. 47 Prozent der Todesfälle durch Passivrauchen betrafen Frauen, 28 Prozent Kinder und 26 Prozent Männer. Verlorene DALYs auf Grund der Belastungen durch Passivrauchen beliefen sich auf 10,9 Millionen, dies entsprach etwa 0,7 Prozent der weltweiten Gesamtbelastungen durch Krankheiten im Jahr 2004. 61 Prozent der DALYs fanden sich bei Kindern. Die größten Krankheitsbelastungen entstammten den Infektionen der unteren Atemwege bei Kindern unter 5 Jahren (5 939 000 / 54 Prozent), ischämischen Herzkrankheiten bei Erwachsenen (2 836 000 / 26 Prozent) sowie Asthma bei Erwachsenen (1 246 000 / 11 Prozent) und Kindern (651 000 / 6 Prozent).

Während die durch Passivrauchen verursachten Todesfälle unter Kindern in Richtung der Länder mit niedrigem bis mittlerem Einkommensstatus verschoben waren, fanden sich die Todesfälle unter den Erwachsenen über alle Länder jeglichen Entwicklungsstands hinweg verteilt. In den europäischen Industrienationen beispielsweise (Europazone A) traten nur 71 Todesfälle unter Kindern auf, unter Erwachsenen jedoch 35 388. In den bewerteten afrikanischen Staaten allerdings fanden sich auf Grund des Passivrauchens geschätzte 43 375 Todesfälle unter Kindern, demgegenüber nur 9514 bei Erwachsenen. Die Autoren stellen fest: "Zwei Drittel dieser Todesfälle ereignen sich in Afrika und Südasien. Die Kinder sind dem Passivrauchen wohl meist zu Hause ausgesetzt. Die Kombination von Infektionskrankheiten und Tabak scheint eine tödliche Mischung für Kinder dieser Regionen und könnte die Bemühungen behindern, die Sterblichkeit der unter 5-Jährigen zu verringern, wie es das Milleniumentwicklungsziel MDG4 eigentlich vorsieht."

Kinder sind dem Passivrauchen weltweit schwerer ausgesetzt als jede andere Altersgruppe, und sie können den Hauptquellen nicht ausweichen: Es sind vorwiegend ihre engsten Verwandten, die zu Hause rauchen. Die Autoren halten fest, dass die Rauchbelastungen zu Hause, wenn jemand raucht, über die Regionen hinweg vergleichsweise ähnlich erscheinen. Höhere Intensitäten finden sich in Asien und dem Mittleren Osten. Darüberhinaus gehören Kinder jener Gruppe an, die die stärksten Hinweise auf Schädigungen durch Passivrauchen aufzeigt. Diese beiden Faktoren sollten die Basis bilden für Verlautbarungen der öffentlichen Gesundheit und Ratschläge an Politiker.

Nahezu zwei Drittel aller Todesfälle bei Kindern und Erwachsenen durch Passivrauchen sowie ein Viertel der DALYs durch die Rauchexposition wurden durch ischämische Herzkrankheiten bei erwachsenen Nichtrauchern ausgelöst. Nichtrauchergesetze, die das Rauchen aus den Arbeitsplätzen in Innenräumen verbannen, können die Anzahl akuter koronarer Ereignisse rasch verringern. Die Autoren bemerken: "Politiker sollten berücksichtigen, dass eine Durchsetzung umfassender Nichtrauchergesetze wahrscheinlich bereits im ersten Jahr ihrer Einführung die Anzahl der Todesfälle, die dem Passivrauchen zuzuordnen sind, erheblich reduzieren wird, mit einer begleitenden Verringerung der Krankheitskosten in sozialen und Gesundheitssystemen."

Wie zuvor festgestellt, traten die größten Effekte hinsichtlich der Todesfälle bei den Frauen auf. Die Gesamtzahl der Todesfälle ist aus zwei Gründen unter Frauen höher als bei Männern. Erstens ist die Zahl der weiblichen Nichtraucher (somit dem Passivrauchen per Definition ausgesetzt) um etwa 60 Prozent höher als bei den männlichen Nichtrauchern (obgleich es weit mehr männliche Erstraucher gibt). Zweitens sind Frauen in Afrika und einigen Regionen Amerikas mit einer wenigstens um 50 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit dem Passivrauchen ausgesetzt als Männer.

Diese Todesfälle sollten den geschätzten 5,1 Millionen auf Grund aktiven Rauchens Gestorbenen hinzugefügt werden, um den Gesamteffekt passiven und aktiven Rauchens zu erhalten. Im Jahr 2004 war das Rauchen somit Ursache für mehr als 5,7 Millionen Tote jährlich. In ihrer Analyse vermuten die Autoren, dass jene, die bereits Erstraucher waren, durch Passivrauchen nicht beeinträchtigt waren. Sollten sich die Effekte des Passivrauchens allerdings auf Raucher und Nichtraucher gleichermaßen auswirken, dann läge die Anzahl der Todesfälle durch Passivrauchen um 30 Prozent höher.

Nur 7,4 Prozent der Weltbevölkerung leben gegenwärtig in Rechtssystemen mit umfangreichen Nichtrauchergesetzen. Der Vollzug dieser Gesetze wird in nur wenigen dieser Rechtssysteme straff gehandhabt. An solchen Orten hat die Forschung nachgewiesen, dass diese Gesetze die Belastungen durch Passivrauchen in Hochrisikoeinrichtungen wie Bars und Gaststätten um 90 Prozent und im Allgemeinen um 60 Prozent verringern. Zusätzlich zum Schutz, den sie Nichtrauchern bietet, reduziert diese Nichtraucherpolitik den Zigarettenkonsum der permanenten Raucher und führt zu steigenden Erfolgsraten bei jenen, die das Rauchen aufgeben wollen. Die Autoren empfehlen die sofortige Umsetzung der Tabak-Rahmenkonvention der WHO, die neben anderen Faktoren höhere Tabaksteuern, Einheitsverpackungen und Werbebanner beinhaltet.

Die Autoren folgern: "Politisch Verantwortliche sollten zudem auf zwei anderen Ebenen tätig werden, um Kinder und Erwachsene zu schützen. Erstens, obwohl sich der Nutzen von Nichtrauchergesetzen deutlich bis in die Wohnhäuser erstreckt, macht der Schutz von Kindern und Frauen vor dem Passivrauchen in vielen Regionen die Einbeziehung umfassender Bildungsstrategien erforderlich, um die Belastungen durch Passivrauchen zu Hause zu verringern. Maßnahmen zur freiwilligen Rauchfreiheit der Wohnungen verringern die Belastungen durch Passivrauchen für Kinder und erwachsene Nichtraucher, reduzieren das Rauchen bei Erwachsenen und offensichtlich auch bei Jugendlichen. Zweitens, das Ausgesetztsein dem Passivrauchen gegenüber trägt in den Entwicklungsländern zu den Todesfällen tausender Kinder unter 5 Jahren bei. Unverzügliche Aufmerksamkeit ist erforderlich, den Mythos zu zerstören, die Entwicklungsländer könnten warten, sich mit tabakbezogenen Krankheiten erst dann zu beschäftigen, wenn sie die Infektionskrankheiten bewältigt haben. Gemeinsam führen Tabakrauch und Infektionen bei Kindern zu erheblicher vermeidbarer Sterblichkeit und Verlust aktiver Lebensjahre."

In einem begleitenden Kommentar stellen Dr. Heather L. Wipfli und Dr. Jonathan M. Samet vom Department of Preventive Medicine der Keck School of Medicine of USC des USC Institute for Global Health an der University of Southern California in Los Angeles fest: "Obwohl sich die Änderungen der sozialen Normen, die mit Nichtrauchergesetzen einhergehen, bis in die Wohnhäuser auswirken können, sind breite Initiativen notwendig, Familien zu motivieren, ihre eigenen Maßnahmen umzusetzen, um die Belastungen durch Passivrauchen zu Hause zu verringern. In einigen Ländern werden rauchfreie Wohnungen zur Norm, jedoch noch weit entfernt von einer allgemeinen."

Die Kommentatoren folgern: "Es ist keine Frage, dass die 1,2 Milliarden Raucher dieser Welt weitere Milliarden Nichtraucher mit Passivrauch belasten, einer krankheitsauslösenden innenräumlichen Luftverunreinigung. Wenige Quellen dieser Luftverschmutzung können vollständig beseitigt werden. Allerdings kann das Rauchen im Haus beseitigt werden, mit erheblichem Nutzen, wie durch diese neue Reihe von Schätzungen angezeigt."

Original-Studie: Mattias Öberg and otheres. Worldwide burden of disease from exposure to second-hand smoke: a retrospective analysis of data from 192 countries. Lancet 2010; 376: 10.1016/S0140-6736(10)61388-8

Quelle: lancet.de vom 26. November 2010

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Dienstag, 14. September 2010

Studie: Rund eine Million falsche ADHS-Diagnosen bei Kindern in den USA

500 Millionen Dollar für nicht benötigte Medikamente ausgegeben

In den USA leben einer Untersuchung zufolge möglicherweise fast eine Million Kinder mit einer falschen Diagnose des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsyndroms (ADHS). Betroffen seien vor allem die jüngeren Kinder aus einer Jahrgangsstufe, sagt Studienleiter Todd Elder von der Universität Michigan (Pressemitteilung online, 17. 08. 2010) Bei den jüngsten Kindergarten-Kindern eines Jahrgangs etwa werde im Schnitt 60 Prozent häufiger ADHS diagnostiziert als bei den Gruppenältesten. Bei Schulkindern sei der Anteil sogar bis zu doppelt so hoch. Die Diagnose werde zwar häufig von einem Arzt gestellt, oft aber auf Veranlassung der Erzieher oder Lehrer. „Aber die ‚Symptome’ könnten einfach nur die emotionale und geistige Unreife der jüngeren Kinder widerspiegeln“, erläutert Elder in der nun im Journal of Health Economics (2010; 29: 657-673) publizierten Studie. Die Wissenschaftler werteten für die Untersuchung die Daten von 12.000 Kindern aus. Die Arzneimittelkosten allein für die mutmaßlich falschen Diagnosen bezifferten die Autoren der Untersuchung auf 320 bis 500 Millionen Dollar (250 bis 390 Millionen Euro). Das staatliche Gesundheitssystem Medicaid werde dadurch mit bis zu 90 Millionen Dollar belastet. Zudem sind die Langzeitwirkungen einer Behandlung von Kindern mit Psychopharmaka nicht gut erforscht. Unter dem Titel „Sind wir alle hyperaktiv?“ beleuchtet die FAZ (online, 19. 08. 2010) weitere Hintergründe zur Studie.

Quelle: IMABE-Newsletter September 2010

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Freitag, 18. Juni 2010

Public Health: Schwierige Familienverhältnisse begünstigen ADHS bei Kindern

Kinder von Alleinerziehenden bekommen wesentlich häufiger Medikamente verordnet

ADHS-Kinder kommen fast zur Hälfte aus Eineltern-Familien oder aus Familien der sozialen Unterschicht. Dies stellten schwedische Public Health-Forscher fest, die die Ergebnisse ihrer Untersuchung nun in der Acta Paediatrica (2010; 99: 920-924) veröffentlichten. Anders Hjern vom Centre for Health Equity Studies (CHESS) in Stockholm und seine Mitarbeiter untersuchten die Verordnungen von Ritalin und anderen Therapiearzneien bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Da in Schweden sämtliche Geburten mit einer Identifikationsnummer versehen werden, kann die Abgabe dieser rezeptpflichtigen Medikamente mit der Personennummer verglichen werden.

Die Forscher stellten dabei fest, dass Knaben stärker betroffen sind als Mädchen. Sie erhalten dreimal häufiger ein Medikament. Mütter mit der geringsten Schulbildung hatten zu 130 Prozent häufiger ein Kind mit ADHS als besser ausgebildete Mütter; Kinder von Alleinerziehern bekamen bis zu 54 Prozent häufiger ein ADHS-Medikament verordnet als Kinder, die mit beiden Elternteilen wohnten. Auch der Empfang von Sozialhilfe in der Familie erhöhte die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Medikation um 135 Prozent. Nach den Berechnungen der Forscher erklärt ein niedriges Bildungsniveau der Mutter 33 Prozent aller ADHS-Erkrankungen. Weitere 14 Prozent konnten auf den Faktor alleinerziehender Elternteil zurückgeführt werden.

Die Forscher führen die höhere Rate von ADHS in Familien mit sozioökonomischen Problemen darauf zurück, dass Mütter mit geringer Bildung auch häufig in anderen Bereichen benachteiligt sind: Stress und häufig eher schwieriger erziehbare Kinder, Geld- und Zeitmangel sowie Mangel an sozialer Unterstützung würden dies noch verstärken. Familiäre Konflikte, Trennung, Scheidung und Abwesenheit eines Elternteils sind Faktoren, die ebenfalls eine Rolle spielen.

Quelle: IMABE-Newsletter Juni 2010

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Montag, 17. Mai 2010

Public Health: Kinder werden dicker und unbeweglicher

Zu viel Fernsehen schadet Kindern laut Studie nachhaltig

Immer mehr deutsche Kinder leiden an Übergewicht und werden immer unbeweglicher. Laut einer aktuellen Forsa-Studie der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) erklären 96 Prozent der befragten Mediziner, dass die Anzahl der Buben und Mädchen mit Übergewicht in den letzten 10 Jahren stark (57 Prozent) beziehungsweise etwas (39 Prozent) gestiegen ist. Fast die Hälfte aller Sechs- bis Zehnjährigen sei zu dick, so die Studie. Die meisten motorischen Defizite haben mit 61 Prozent bereits Kleinkinder zwischen drei und fünf Jahren. 87 Prozent der Mediziner stellen fest, dass auch dieses Problem zugenommen hat. Im Praxisalltag beobachten die meisten Kinderärzte Koordinationsprobleme und fehlende Ausdauer. Probleme beim Rückwärtslaufen oder Schwierigkeiten beim Ballfangen stellt knapp die Hälfte fest.

Dass zu viel Fernsehen Kindern nachhaltig schadet, hat nun auch eine kanadische Langzeitstudie untermauert. „Die frühe Kindheit ist eine entscheidende Zeit für die Entwicklung des Gehirns und die Entstehung von Verhalten“, erläuterte Studienleiterin Linda S. Pagani von der Universität Montreal. Wenn Kleinkinder zu viel Zeit vor dem Fernseher verbringen, wirkt sich das langfristig negativ aus, so die im Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine publizierten Studie (2010; 164(5): 425-431). Die Forscher zeichneten im Rahmen der Quebec Longitudinal Study of Child Development das Fernsehverhalten von 1.314 Kindern zwischen zweieinhalb und viereinhalb Jahren auf und brachten sie in Relation mit dem Verhalten der Kinder als 10-Jährige. Bei mehr als zwei Stunden Fernsehkonsum im Kleinkindalter haben diese Kinder mit zehn Jahren in der Schule eher Probleme, ernähren sich schlechter, sind eher übergewichtig als ihre Altersgenossen und neigen auch noch als Zehnjährige zu weniger Bewegung. Eltern sollten den entsprechenden Richtlinien der amerikanischen Akademie für Kindermedizin folgen: Diese empfiehlt so wenig TV-Konsum wie möglich für Kinder unter zwei Jahren, für Kinder generell nicht mehr als zwei Stunden täglich.

Quelle: IMABE-Newsletter Mai 2010

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