Dienstag, 8. April 2014

Studie: Schmerzmittel zeigen bei chronischen Schmerzen langfristig gleichen Effekt wie nicht-medikamentöse Therapie

Chronische Schmerzbehandlung braucht multidisziplinären Ansatz

Starke Schmerzmittel, die über einen längeren Zeitraum gegen chronische Schmerzen eingenommen werden, haben den gleichen Effekt wie eine Behandlung ohne Medikamente. Das zeigte eine umfangreiche Meta-Analyse, die nun im British Journal of Pharmacology (doi: 10.1111/bph.12634) veröffentlicht wurde. In Österreich sind laut Erhebungen der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) Personen von 41 bis 70 Jahren am meisten von chronischen Schmerzen betroffen, am häufigsten am Stütz- und Bewegungsapparat, gefolgt von Kopf- und Nervenschmerzen, sowie Schmerzen als Folge von Krebserkrankungen. Ein Drittel aller Berufsunfähigkeitspensionen werden von Patienten mit chronischen Schmerzen beantragt. Die Möglichkeiten zur Behandlung dieser Schmerzen reichen von psychologischen und physiotherapeutischen Verfahren über leichte Schmerzmittel bis hin zu starken opioidhaltigen Medikamenten. 

Das Forscherteam um Christian Stein (Charité–Universitätsmedizin Berlin) versuchte im Zuge einer Meta-Analyse, einen Überblick zu den Langzeitwirkungen der unterschiedlichen Behandlungsarten von chronischen Schmerzen zu bekommen. Gemeinsam mit Kollegen von der Technischen Universität Darmstadt bewerteten sie dafür die Ergebnisse aus insgesamt 3.647 Publikationen in internationalen Fachzeitschriften, von denen 46 Studien die Kriterien (randomisierte klinische Studie, Behandlungsdauer von mindestens drei Wochen) für die Meta-Analyse erfüllten. Dies entsprach den Daten von 10.742 Patienten. 

Das ernüchternde Ergebnis: Langfristig gesehen sind die schmerzlindernden Wirkungen von medikamentösen Therapieverfahren bei nicht krebsbedingten Schmerzen im Vergleich zu Psycho- und Physiotherapie nicht effizienter (vgl. Pressemitteilung der Berliner Charité, online, 4. 4. 2014). „Man erzielt also über einen langen Zeitraum hinweg mit starken Schmerzmitteln die gleiche Wirkung wie mit nicht-medikamentösen physiotherapeutischen und psychologischen Verfahren“, so Stein. 

Schmerzmedikamente, die über einen langen Zeitraum hinweg eingenommen werden, können schwere Nebenwirkungen, beispielsweise an den Nieren und im Magen-Darm-Trakt hervorrufen. Die Ergebnisse der Meta-Analyse legen nahe, bei der Behandlung chronischer Schmerzen vor allem auf die Vermeidung von schädlichen Arzneimittelwirkungen zu achten (Prinzip des Nihil Nocere). Die Wissenschaftler mahnen, dass bei der Behandlung chronischer Schmerzen, die nicht durch einen Tumor hervorgerufen werden, ein multidisziplinärer Ansatz, der nicht nur pharmakologisch-medizinische, sondern auch psycho-soziale und physiotherapeutische Aspekte berücksichtigt, im Vordergrund stehen sollte.

Foto: © Sigrid Roßmann / pixelio.de

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Dienstag, 11. Februar 2014

Studie: Bessere Kommunikation und weniger Tabletten steigern Therapietreue

Sozialer und Bildungsbackground spielten ebenso eine Rolle

Zu viele Medikamente, belastende Nebenwirkungen, mangelnde Kommunikation: Rund 50 Prozent der chronisch kranken Patienten in Industrieländern nehmen ihre Medikamente nicht wie vom Arzt verordnet ein oder beenden gar selbstständig die Therapie. Eine mangelnde Therapietreue (Compliance oder Adhärenz) hat jedoch negative Auswirkungen auf den Behandlungserfolg. Wie kann man Patienten leichter „bei der Stange halten“? Eine jüngst veröffentlichte Übersichtsstudie (Dtsch Arztebl Int 2014; 111(4): 41–7, DOI: 10.3238/arztebl.2014.0041) zeigt nun am Beispiel von Bluthochdruck-Patienten, dass allem voran eine Vereinfachung des Therapieschemas – beispielsweise weniger Tabletten auf einmal verordnen – und die gemeinsame Entscheidungsfindung von Arzt und Patient („Shared decision making“) die Grundlage des Verordnungsgespräches sein müssen, schreiben die beiden Studienautoren Jan Matthes und Christian Albus von der Universität Köln. 

Patienten, die älter als 60 und bereits mehr als fünf Jahre auf Medikamente angewiesen waren, dabei aber nur wenige Medikamente schlucken mussten, waren konstanter in der Befolgung der ärztlichen Vorschriften. Auch kurze Abstände bei den Kontrollbesuchen sowie ein stabiles familiäres Umfeld führten zu einer höheren Therapietreue. Schlechter schnitten jene Patienten ab, wo eine chronische Erkrankung geringe oder keine Symptome aufwies, mehrere Arzneimitteleinnahmen pro Tag in einem komplexen Schema eingenommen werden mussten und noch dazu unerwünschte Arzneimittelwirkungen auftraten. 

Ebenso spielte das Sozial- und Bildungsgefälle eine Rolle: Jüngere, männliche, alleinstehende Patienten mit geringerem Bildungsniveau hielten sich weniger oft an die vom Arzt vorgeschriebene Medikation als Ältere, Gebildetere und Verheiratete. 

In den 21 randomisierten kontrollierten Studien zum Effekt von Adhärenz-fördernden Maßnahmen hatten mehr als 60 Prozent die Therapietreue steigern können. Wo das Maßnahmenpaket griff, konnte in mehr als 90 Prozent auch der Bluthochdruck eingedämmt werden.

Foto: © Andrea Damm / pixelio.de

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Dienstag, 8. Oktober 2013

Studie: Sport kann so effektiv sein wie Medikamente

Experten fordern bessere Erforschung von Bewegung als Therapie

Die Ausgaben für Arzneimittel in den Industrienationen steigen: In Österreich lagen die Ausgaben für verschreibungspflichtige Medikamente im Jahr 2011 bei 2,95 Milliarden Euro und machen inzwischen 20 Prozent der Gesamtausgaben für Gesundheitskosten aus (vgl. https://www.gesundheit.gv.at/Portal.Node/ghp/public/content/ArzneimittelverbrauchinOesterreich_HK.html). Regelmäßige Bewegung hat einen gut dokumentierten gesundheitlichen Nutzen. Dennoch fällt es Patienten häufig schwer, die ärztlichen Anweisungen zu mehr Sport auch in der Praxis umzusetzen. Bislang fehlte auch ein direkter Vergleich zwischen medikamentöser Intervention versus „Bewegung als Rezept“. Eine kürzlich im British Medical Journal publizierte Studie (2013;347:f5577) versucht, diese Kluft zu überbrücken. Ihr Ergebnis: Sportliche Betätigung kann bei einigen Krankheiten dieselben positiven Effekte haben wie Medikamente. Die Ergebnisse der Studie könnten Patienten nun zu mehr Sport motivieren und Ärzte zu einem kostensparenderen Kurs bewegen. 

Die Vergleiche bezogen sich auf vier Bereiche: sekundäre Prävention von koronaren Herzkrankheiten, Rehabilitation von Schlaganfall, Behandlung von Herzproblemen und Prävention von Diabetes. Sekundärprävention setzt beim Frühstadium einer Krankheit an. Sie dient der Eindämmung des Fortschreitens (Progredienz) oder der Chronifizierung einer bestehenden Erkrankung. 

Die Public-Health-Forscher Huseyin Naci von der London School of Economics und John Ioannidis von der Harvard Medical School analysierten die Ergebnisse von 305 Studien mit Daten von insgesamt 339.000 Menschen mit den Diagnosen Schlaganfall, Herzkrankheiten oder Vorstufen von Diabetes. Sie verglichen, welchen Einfluss die Einnahme von Medikamenten oder sportliche Betätigung auf die Sterblichkeit der Patienten hat. Bei Erkrankungen der Herzkranzgefäße war Sport als Therapie „genauso effektiv“ oder sogar etwas effektiver als der Einsatz von Statinen, die zur Senkung des Cholesterinspiegels verwendet werden, heißt es in der Studie. Sport war auch nach einem Schlaganfall effektiver als der Einsatz von Medikamenten, um das Risiko eines vorzeitigen Todes zu senken. Nach Herzversagen waren Medikamente indes eine wirksamere Therapie als Sport. 

Die Autoren kritisieren in ihrer Studie, dass in der medizinischen Forschung den Medikamenten immer mehr Gewicht beigemessen werde als einem gesunden Lebenswandel. Sport sei „potenziell so effektiv wie viele medikamentöse Interventionen“ und müsse daher „als gangbare Alternative zu – oder zusätzlich zu – einer Therapie mit Medikamenten“ angesehen werden. Arzneimittelbehörden sollten zudem von Pharmakonzernen verlangen, bei neuen Medikamenten den Nutzen auch im Vergleich zu sportlicher Betätigung zu untersuchen.

Foto:  Petra Bork  / pixelio.de

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Mittwoch, 13. Februar 2013

ADHS: „Zappelphilipp-Syndrom“ wird zu häufig diagnostiziert

Ärzte kritisieren „Modekrankheit“ und warnen vor steigendem Medikamentenverbrauch

Die Daten sind erschreckend: Die Zahl der diagnostizierten ADHS-Fälle (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom) stieg in Deutschland zwischen 2006 und 2011 bei den unter 19-Jährigen um 42 Prozent, wie aus dem jüngsten Barmer-Arztreport 2013 hervorgeht. In dieser Altersgruppe erhielten im Jahr 2011 472.000 Buben und 149.000 Mädchen die Diagnose ADHS. Gleichfalls hoch sind dem Report zufolge die Verordnungsraten von Ritalin (Methylphenidat). 2011 wurde das Medikament an rund 336.000 Personen verschrieben. Die höchsten Verordnungsraten finden sich bei Kindern im Alter von elf Jahren. Im Laufe der Kindheit und Jugend dürften damit schätzungsweise 10 Prozent aller Buben und 3,5 Prozent aller Mädchen mindestens einmal Methylphenidat erhalten. 

Anlässlich der Vorstellung des Reports zeigte sich der stv. Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker, besorgt über diese Entwicklung. „Dieser Anstieg erscheint inflationär. Wir müssen aufpassen, dass ADHS-Diagnostik nicht aus dem Ruder läuft und wir eine ADHS-Generation fabrizieren“, betonte Schlenker (Pressemitteilung, online, 29. 1. 2013). Pillen gegen Erziehungsprobleme seien der falsche Weg: Ritalin dürfe nicht per se das Mittel der ersten Wahl sein. Stattdessen komme es auf „trennscharfe Diagnosen“ an. 

Empirische Untersuchungen hatten erst kürzlich gezeigt, dass Psychotherapeuten und Kinderpsychiater sich zu häufig auf ihre Intuition und die Kennzeichen eines Prototyps für ADHS verlassen statt sich eng an die gültigen Diagnosekriterien zu halten (Pressemitteilung der Ruhr Universität Bochum, online, 30. 3. 2012). Insbesondere bei Buben stellten sie deutlich mehr Fehldiagnosen als bei Mädchen, so die Ergebnisse der deutsch-schweizerischen Studien, wobei Männer eher zu dieser Diagnose neigten als Frauen. Die Ausgaben für ADHS-Medikamente haben sich von 1993 bis 2003 verneunfacht – beispielsweise für das leistungssteigernde Methylphenidat. 

Die Reportautoren Thomas G. Grobe und Friedrich W. Schwartz vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG) in Hannover ermittelten zudem einige Eltern-abhängige Faktoren, die das Risiko für eine ADHS-Diagnose und die Verordnung von Medikamenten wie Methylphenidat bei Kindern beeinflussen, und kommen zum selben Schluss wie eine schwedische Studie (vgl. IMABE-Newsletter Juni 2010 Public Health: Schwierige Familienverhältnisse begünstigen ADHS bei Kindern). Demnach steigt mit niedrigem Ausbildungsniveau der Eltern das Risiko der Kinder für ADHS, ebenso bei Kindern von Alleinerziehenden. Kinder arbeitsloser Eltern sind häufiger von der Störung betroffen, bei Kindern von Gutverdienern wird sie tendenziell seltener diagnostiziert. 

Ein internationales Forscherteam arbeite derzeit an einer nicht-medikamentösen Behandlung von ADHS, berichtet der Standard (online, 5. 2. 2013). Die bisherigen Ergebnisse für diese Therapieform sind noch zu dünn. Um eine eindeutige Aussage treffen zu können, müssten dringend mehr verblindete Studien her, um wissenschaftlich aussagekräftig zu sein.

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Donnerstag, 13. Dezember 2012

Studie: Studenten nehmen deutlich mehr Psychopharmaka

Verschreibung der Medikamente hat sich in vier Jahren verdoppelt

Studenten in Deutschland werden heute doppelt so viele Psychopharmaka verschrieben als noch vor vier Jahren: 2010 erhielt ein Student statistisch betrachtet 13,5 Tagesdosen, um 55 Prozent mehr als 2006 (8,7 Tagesdosen). Jedes fünfte Medikament, das ein Hochschüler konsumiert, war ein Psychopharmakon, wobei sich der Anteil der Antidepressiva um 40 Prozent erhöhte. Das ist das Ergebnis einer von der Techniker Krankenkasse (TK) zur gesundheitlichen Situation von Studierenden im Alter von 20 und 35 Jahren veröffentlichten Studie (vgl. Pressemitteilung, online 28. 11. 2012). Der Verbrauch von Psychopharmaka unter Hochschülern stieg stärker als unter gleichaltrigen Berufstätigen. In dieser Gruppe erhöhte sich die Quote von 7,1 Dosen im Jahr 2006 auf 9,9 Dosen 2010. Das entspricht einem Plus von 39 Prozent. 

Gründe für den gestiegenen Psychopharmaka-Konsum nannte die TK nicht, sie verwies aber auf eine Umfrage, wonach jeder zehnte Student angibt, dass er bzw. sie zur Bekämpfung von Stress Psychopharmaka nehme. 

Gibt es tatsächlich mehr psychische Kranke? Oder bloß mehr Verschreibungen von Psychopharmaka? Diese Frage lässt die TK-Studie unbeantwortet. Der Vorwurf der Erfindung neuer Krankheiten zwecks Steigerung des Absatzes von Produkten der Pharmaindustrie wurde ja im Vorfeld der Neuauflage des Psychiatrie-Handbuchs Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) in Expertenkreisen heftig diskutiert (vgl. Psychiatrie: Mediziner warnen vor Erfindung von Pseudo-Krankheiten). Anfang Dezember 2012 hat nun die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft endgültig grünes Licht für die Neuauflage des ab Mai 2013 erhältlichen DSM-5 gegeben (vgl. Pressemitteilung, online 1. 12. 2012). 

Einige Punkte blieben darin bis zuletzt umstritten, so der Passus über Depression. Laut DSM-5 wird bereits eine länger anhaltende Trauer – etwa nach dem Tod eines geliebten Menschen – als behandelbare Krankheit eingestuft (vgl. Nature, 4. 12. 2012).

Quelle: IMABE-Newsletter Dezember 2012

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Dienstag, 14. Juni 2011

Public Health: Präventive Medikamente kosten viel und nützen wenig

Forscher kritisieren Mangel an Realitätsbezug der Studienergebnisse

Eine „Entmedikalisierung zugunsten einer Lebensstiländerung“ forderte IMABE-Direktor Johannes Bonelli beim Symposium „Lebensstil und persönliche Verantwortung“ in Wien (siehe „Nachlese“ unten). Es sei Zeit, dass gewissenhafte Schaden-Nutzen-Analysen bei der Einnahme bestimmter weit verbreiteter Medikamenten-Therapien durchgeführt werden. Hier gebe es enormes Einsparungspotential, so der Internist, der dafür im Rahmen des IMABE-Forschungsprojekts S.O.M.® (Bonelli J., Sinnorientierte Medizin) eine eigene Methode entwickelt hat.

Dass Medikamente, die präventiv verordnet werden, in der Realität einen geringen Kosten-Nutzen-Effekt haben, zeigt nun auch eine finnische Studie, berichtet das Deutsche Ärzteblatt (online 4.5.2011) bezüglich der Arzneimittelgruppe der Bisphosphonate. Sie zählt zu den am meisten verabreichten Präventivmedikamenten, um Frakturen auf dem Boden einer Osteoporose vorzubeugen. Die Ergebnisse der im British Medical Journal (April 2011; doi: 10.1136/bmj.d2175) durchgeführten Studie unter der Leitung des Orthopäden Teppo Järvinen vom Universitätsspital in Tampere legen jedoch nahe, dass die tatsächliche Kosten-Nutzen-Relation dieser Medikamente im Alltag anders aussehen kann als in den Studien. Denn die Studienergebnisse weisen nach Meinung der Autoren „einen Mangel an Realitätsbezug“ auf. Faktoren für eine mögliche Verzerrung seien, dass Patienten der klinischen Studien oft sorgfältig für die Studie ausgewählt werden und währenddessen meist eine höhere Zuwendung durch die Betreuer erfahren als im Alltag. Die Wissenschaftler erforschten genauer, wie gut die täglich verordneten Arzneimittel dieser Art im klinischen Alltag tatsächlich sind und setzten eine Studie von 2003, die Daten über 7.411 wegen einer Hüftfraktur operierte Patienten enthält, in Korrelation zur präventiven Medikation. Am Ende ihrer Analyse kamen sie zu der Einschätzung, dass eine Medikation der 1,86 Millionen über 50-jährigen Finnen mit Bisphosphonaten lediglich 343 Frakturen verhindern würde.

Die Autoren meinen, dass es bei präventiv verordneten Medikamenten bislang keine zuverlässigen Daten über deren Kosten-Effektivität unter Alltagsbedingungen gäbe. Sie fordern, dass man solche Medikamente nicht als kosteneffektiv proklamieren sollte, bevor diese nicht in einer adäquaten Alltagssituation getestet wurden.

Quelle: Imabe-Newsletter Juni 2011

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Montag, 14. März 2011

Placebo: Ärzte sollten positiven Effekt für Therapien stärker nutzen

Deutsche Bundesärztekammer hält Einsatz für ethisch und rechtlich vertretbar

Die Deutsche Bundesärztekammer (BÄK) empfiehlt ihren Mitgliedern, Placebos künftig gezielt noch häufiger einzusetzen. Unter der Leitung von Robert Jütte hat der Wissenschaftliche Beirat der BÄK nun eine Stellungnahme zu „Placebo in der Medizin“ in Buchform vorgelegt. Auch Pillen und Spritzen ohne geeigneten Wirkstoff helfen Studien zufolge oft – und zwar häufig ohne schlimme Nebenwirkungen und exorbitante Kosten. „Mit dem Einsatz von Placebo lassen sich erwünschte Arzneimittelwirkungen maximieren, unerwünschte Wirkungen von Medikamenten verringern und Kosten im Gesundheitswesen sparen“, sagt Jütte (Pressemitteilung BÄK, online, 02. 03. 2011). Was wie Täuschung aussieht, kann durchaus dem Wohl des Patienten dienen. Forscher haben sogar im Gehirn eine Wirkung von Placebos nachgewiesen – sie ist also nicht nur Einbildung. Allerdings haben Wissenschaftler noch keine schlüssige Erklärung. Sie vermuten, dass die Wirkung von der Lernerfahrung oder von der Erwartung der Patienten abhängt, nach dem Motto: Wenn man eine Pille nimmt, gehen die Schmerzen weg. Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Forschung sei, „dass der Placeboeffekt hirnphysiologisch und -anatomisch lokalisierbar ist“.

Die Experten des Wissenschaftlichen Beirats halten die bewusste Anwendung von Placebo in der therapeutischen Praxis für ethisch und rechtlich vertretbar. Voraussetzung sei aber, dass in dem jeweiligen Einzelfall keine geprüfte wirksame (Pharmako-)therapie vorhanden ist, es sich um relativ geringe Beschwerden handelt und Aussicht auf Erfolg einer Placebobehandlung bei dieser Erkrankung besteht. Vgl. dazu auch: Imago Homins, Schwerpunkt: Placebo (2006) http://www.imabe.org/index.php?id=367.

Quelle: IMABE-Newsletter März 2011

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Montag, 11. Oktober 2010

Studie: Gezielte Begleitung von Krebspatienten steigert Therapieerfolge

Neues Betreuungsmodell bezieht die Mitarbeit von Apothekern ein

Eine intensive und multidisziplinäre Betreuung von Krebs-Patienten verbessert die Therapie deutlich. Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist offenbar auch die Einbindung von Apotheken, die die Medikamente herausgeben. Das besagt eine neue Studie unter der Leitung von Ulrich Jaehde vom pharmazeutischen Institut der Universität Bonn, die im Journal Supportive Care in Cancer (doi:10.1007/s00520-010-0927-5) erschienen ist.

Grundlage der Studie, die in Kooperation mit verschiedenen Kliniken und Arztpraxen entstand, ist die Erfahrung, dass Krebspatienten Medikamente in Tablettenform zu Hause oft unregelmäßig und nicht nach dem vom Arzt vorgeschriebenen Therapieschema einnehmen. Rund ein Viertel der beobachteten Patienten folgte mindestens einmal pro Woche nicht der ausgehändigten Verschreibung. Häufig hatten unangenehme Nebenwirkungen dazu geführt, dass die Patienten die Medikamente nicht korrekt einnahmen oder die Therapie ganz abbrachen, so die Autoren.

Eine gezielte Unterstützung von Krebspatienten in Zusammenarbeit mit Apothekern kann dagegen die Therapietreue signifikant steigern, zeigte die aktuelle Studie. Während ein Viertel der nicht betreuten Patienten ihre Tabletten an mehr als jedem fünften Tag nicht korrekt einnahm, traf dies auf keinen der betreuten Patienten zu. „Die betreuten Patienten hielten sich nicht nur besser an das Therapieschema des Arztes, sondern brachen die Behandlung auch seltener ab“, sagt der Studienleiter und Klinische Pharmakologe Ulrich Jaehde.

Neu an dem vorgestellten Modell ist unter anderem die Einbindung von Apothekern. Nach der Entscheidung für eine Krebstherapie in Tablettenform informiert der Arzt den Patienten über die Möglichkeit einer zusätzlichen pharmazeutischen Betreuung. Ist der Patient daran interessiert, gibt ein Apotheker ihm Einnahmehinweise und berät ihn zur Therapie, erklärt, welche Nebenwirkungen bei seinen Medikamenten auftreten könnten, wie er sie frühzeitig erkennt und was er dann tun kann. Bei Fragen stehen die Apotheker jederzeit auch telefonisch zur Verfügung. Derzeit läuft noch eine Folgestudie, um das Betreuungsmodell weiter zu verbessern.

Quelle: IMABE-Newsletter Oktober 2010

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Dienstag, 14. September 2010

Studie: Rund eine Million falsche ADHS-Diagnosen bei Kindern in den USA

500 Millionen Dollar für nicht benötigte Medikamente ausgegeben

In den USA leben einer Untersuchung zufolge möglicherweise fast eine Million Kinder mit einer falschen Diagnose des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsyndroms (ADHS). Betroffen seien vor allem die jüngeren Kinder aus einer Jahrgangsstufe, sagt Studienleiter Todd Elder von der Universität Michigan (Pressemitteilung online, 17. 08. 2010) Bei den jüngsten Kindergarten-Kindern eines Jahrgangs etwa werde im Schnitt 60 Prozent häufiger ADHS diagnostiziert als bei den Gruppenältesten. Bei Schulkindern sei der Anteil sogar bis zu doppelt so hoch. Die Diagnose werde zwar häufig von einem Arzt gestellt, oft aber auf Veranlassung der Erzieher oder Lehrer. „Aber die ‚Symptome’ könnten einfach nur die emotionale und geistige Unreife der jüngeren Kinder widerspiegeln“, erläutert Elder in der nun im Journal of Health Economics (2010; 29: 657-673) publizierten Studie. Die Wissenschaftler werteten für die Untersuchung die Daten von 12.000 Kindern aus. Die Arzneimittelkosten allein für die mutmaßlich falschen Diagnosen bezifferten die Autoren der Untersuchung auf 320 bis 500 Millionen Dollar (250 bis 390 Millionen Euro). Das staatliche Gesundheitssystem Medicaid werde dadurch mit bis zu 90 Millionen Dollar belastet. Zudem sind die Langzeitwirkungen einer Behandlung von Kindern mit Psychopharmaka nicht gut erforscht. Unter dem Titel „Sind wir alle hyperaktiv?“ beleuchtet die FAZ (online, 19. 08. 2010) weitere Hintergründe zur Studie.

Quelle: IMABE-Newsletter September 2010

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Freitag, 18. Juni 2010

AIDS: „Westliche“ Dosierung von Medikamenten lässt sich nicht auf Afrika übertragen

Deutsche Uniklinik entwickelt Methode zur Kontrolle des Medikamentenspiegels

Die Zahl neuer HIV-Infektionen ist in den vergangenen acht Jahren um 17 Prozent zurückgegangen. Die Todesrate hat sich weltweit verringert. Dennoch leben laut Welt-AIDS-Bericht der Vereinten Nationen derzeit 33,4 Millionen HIV-Positive mit dem AIDS-Erreger im Blut. Südafrika weist dabei eine traurige Bilanz auf: Mit 5,7 Millionen HIV-Infizierten und rund 1.000 AIDS-Toten pro Tag erleidet das Land die weltweit schlimmste AIDS-Epidemie. Laut Gesundheitsminister Aaron Motsoaledi erhalten zurzeit nur 700.000 Menschen Medikamente.

Doch selbst bei jenen, die Medikamente erhalten, ist nicht immer die optimale Therapie gesichert, so Hartwig Klinker, Infektiologe vom Universitätsklinikum Würzburg: „Langfristig hat die Therapie nur Erfolg, wenn die Medikamente im Organismus kontinuierlich in ausreichender Konzentration vorhanden sind.“ (Pressemitteilung, online 25. 05. 2010). Das aber sei nicht immer gewährleistet. Viele Faktoren, etwa gleichzeitig eingenommene andere Arzneimittel oder die Art der Ernährung, können sich ungünstig auf die Konzentration der Medikamente auswirken. Klinker und sein Team haben deshalb eine Methode entwickelt, den Blutspiegel der Anti-HIV-Medikamente bei den Patienten zu überwachen. Damit lassen sich Medikamentenkombination und Dosis so gut auf jeden Patienten anpassen, dass die Effizienz der Therapie deutlich verbessert werden kann.

Die übliche Dosierung der Anti-HIV-Medikamente lässt sich auch nicht ohne weiteres auf Südafrika übertragen. Der Grund: Das Wissen über die Wirksamkeit und Dosierung der Anti-HIV-Medikamente wurde fast nur in den USA und Europa gewonnen, und zwar überwiegend an erwachsenen Männern. In Afrika sind aber wesentlich mehr Frauen von der Infektion betroffen, und es müssen dort auch viele Kinder und Schwangere behandelt werden. Zudem haben die Patienten andere Begleitkrankheiten. Außerdem verstoffwechselt der Organismus von Afrikanern die Medikamente vermutlich anders, als es bei Europäern und Nordamerikanern der Fall ist.

Die spezielle Analytik und die damit mögliche Anpassung der Dosierung der Anti-HIV-Medikamente soll nun deshalb auch in Südafrika etabliert werden – mit Blick auf deren spezifischen Bedürfnisse. Im Mittelpunkt des Projekts stehen HIV-infizierte Kinder, Schwangere und Menschen mit bestimmter Begleitmedikation.

Quelle: IMABE-Newsletter Juni 2010

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Public Health: Schwierige Familienverhältnisse begünstigen ADHS bei Kindern

Kinder von Alleinerziehenden bekommen wesentlich häufiger Medikamente verordnet

ADHS-Kinder kommen fast zur Hälfte aus Eineltern-Familien oder aus Familien der sozialen Unterschicht. Dies stellten schwedische Public Health-Forscher fest, die die Ergebnisse ihrer Untersuchung nun in der Acta Paediatrica (2010; 99: 920-924) veröffentlichten. Anders Hjern vom Centre for Health Equity Studies (CHESS) in Stockholm und seine Mitarbeiter untersuchten die Verordnungen von Ritalin und anderen Therapiearzneien bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Da in Schweden sämtliche Geburten mit einer Identifikationsnummer versehen werden, kann die Abgabe dieser rezeptpflichtigen Medikamente mit der Personennummer verglichen werden.

Die Forscher stellten dabei fest, dass Knaben stärker betroffen sind als Mädchen. Sie erhalten dreimal häufiger ein Medikament. Mütter mit der geringsten Schulbildung hatten zu 130 Prozent häufiger ein Kind mit ADHS als besser ausgebildete Mütter; Kinder von Alleinerziehern bekamen bis zu 54 Prozent häufiger ein ADHS-Medikament verordnet als Kinder, die mit beiden Elternteilen wohnten. Auch der Empfang von Sozialhilfe in der Familie erhöhte die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Medikation um 135 Prozent. Nach den Berechnungen der Forscher erklärt ein niedriges Bildungsniveau der Mutter 33 Prozent aller ADHS-Erkrankungen. Weitere 14 Prozent konnten auf den Faktor alleinerziehender Elternteil zurückgeführt werden.

Die Forscher führen die höhere Rate von ADHS in Familien mit sozioökonomischen Problemen darauf zurück, dass Mütter mit geringer Bildung auch häufig in anderen Bereichen benachteiligt sind: Stress und häufig eher schwieriger erziehbare Kinder, Geld- und Zeitmangel sowie Mangel an sozialer Unterstützung würden dies noch verstärken. Familiäre Konflikte, Trennung, Scheidung und Abwesenheit eines Elternteils sind Faktoren, die ebenfalls eine Rolle spielen.

Quelle: IMABE-Newsletter Juni 2010

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Montag, 17. Mai 2010

Klinische Pharmakologie: Kritik an „Medikamentencocktail im Alter“

IMABE-Direktor Bonelli fordert klinische Studien bei alten, multimorbiden Patienten

„Die heutige Medizin forscht und therapiert an einem großen Teil ihrer Patienten vorbei. Das muss sich ändern“, fordert IMABE-Direktor Johannes Bonelli in einem Kommentar in der Österreichischen Ärztezeitung (online, 25. 04. 2010). In den kommenden Jahren werden die über 65-Jährigen mehr als 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Diese Patientengruppe konsumiert rund 50 Prozent aller verschriebenen Medikamente: „Speziell ältere Patienten haben im Durchschnitt rund sieben Diagnosen, sind damit klassisch multimorbid und nehmen mindestens zehn bis 15 Medikamente täglich ein.“ Dennoch gebe es praktisch keine evidenzbasierte Medizin oder einschlägige Literatur über Multimorbidität alter Menschen, kritisiert Bonelli. Die Folge: Ergebnisse von artfremden Einzelstudien wie beispielsweise zu Hypertonie, Diabetes, Hypercholesterinämie, Herzinsuffizienz, Arthritis, usw. würden unreflektiert auf den multimorbiden alten Patienten übertragen, der alle diese Krankheiten auf einmal hat. Dadurch handelt man sich eine exponentielle Kumulation von Nebenwirkungen ein, die zu einer verhängnisvollen „Verschreibungskaskade“ führt: Die durch Medikamente hervorgerufenen Nebenwirkungen werden fälschlicherweise als krankheitsbezogen interpretiert und mit weiteren Medikamenten behandelt.

Bonelli fordert daher, klinische Studien gezielt auch an älteren Menschen durchzuführen, zumal ja bei ihnen auch deutliche Veränderungen in der Pharmakokinetik von Medikamenten bestünden. Zweitens sollte man bei der medikamentösen Behandlung von multimorbiden älteren Patienten nach dem Prinzip vorgehen: „So viel wie unbedingt nötig und so wenig wie nur möglich“. Drittens müsse das alte Prinzip des „primum nil nocere“, also eine gewissenhafte Schaden-Nutzen-Analyse gerade bei dieser wachsenden Patientengruppe mit kritischer Sorgfalt beachtet werden. Der Heilauftrag des Arztes sollte hier primär in der Verbesserung der Lebensqualität liegen und erst sekundär in Maßnahmen zur Lebensverlängerung.

Quelle: IMABE-Newsletter Mai 2010

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