Dienstag, 14. Mai 2013

Mental Health: Soziale Probleme werden in Krankheiten umdefiniert

Scharfe Kritik am ab Mai 2013 gültigen neuen Handbuch zur Definition psychischer Erkrankungen

Die Kontroversen rund um die Neuauflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, kurz DSM-5, spitzen sich zu. Das neue 1000-Seiten-Nachschlagewerk für Psychiater zur Klassifizierung psychischer Erkrankungen soll bei der Jahrestagung der American Psychiatric Association, die von 18. bis 22. 5. 2013 in San Francisco stattfindet, präsentiert werden.

Der amerikanische Psychiater Allen Frances von der Duke University gilt als einer der schärfsten Kritiker des DSM-5 (vgl. IMABE-März 2012 Psychiatrie: Mediziner warnen vor Erfindung von Pseudo-Krankheiten). Frances hält das neue Handbuch für „schlampig“ und „nicht wissenschaftlich fundiert“. „Eine Petition für eine unabhängige wissenschaftliche Überprüfung, die 56 psychiatrische Organisationen unterstützt hatten, wurde einfach ignoriert“, schreibt Frances im New Scientist (online, 5. 5. 2013). Die Pharmaindustrie habe die Idee vorangetrieben, alltägliche Probleme seien psychische Krankheiten und die Folge eines chemischen Ungleichgewichts. Anstatt sichere Kriterien für den klinischen Alltag zu geben, würden „neue Erkrankungen“ eingeführt, die eine „Traumliste für Forscher“ seien und „ein Albtraum für die Patienten“. Frances kritisiert unter anderem eine zunehmende Uminterpretation normaler menschlicher Gefühle zu schweren psychischen Erkrankungen – etwa Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen. Zwei Wochen Traurigkeit, Schlafstörungen und der Verlust von Appetit seien aber völlig normale Anzeichen bei Trauer – und keine depressive Störung, so der Psychiater.

Nun erteilte auch das US-amerikanische National Institute of Mental Health (NIMH) dem neuen Handbuch eine Absage. Man werde sich nicht an die ihrer Ansicht nach unbrauchbare Neu-Klassifizierung von Krankheiten halten, wenn es um die Vergabe von Forschungsgeldern geht, und statt dessen eigenen Nomenklaturen folgen, so NIMH-Direktor Thomas R. Insel in einem offenen Brief (online, 29. 4. 2013). Das Institut vergibt rund 1,5 Milliarden US-Dollar jährlich zur Erforschung psychischer Erkrankungen.

Das DSM-5 beeinflusst maßgeblich den Diagnoseschlüssel der WHO, den ICD-10, der auch für Ärzte und Psychologen in Österreich und Deutschland gilt – und nach dem bestimmt wird, für welche Krankheiten die Krankenkassen eine Therapie zahlen.

Wolfgang Schneider, Direktor der Rostocker Universitätsklinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin, betrachtet die seit den 1990er Jahren stetig steigenden Zahlen von Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen mit großer Skepsis, berichtet das Deutsche Ärzteblatt (online, 29. 4. 2013) „Es gibt eine große Bereitschaft von Menschen, sich als psychisch belastet anzusehen und sich deswegen krankschreiben zu lassen“, so Schneider. Sie folgten dem medialen Hype um das Burn-Out-Syndrom. „Die Schwelle, ab wann Symptome als Ausdruck einer psychischen Erkrankung bezeichnet werden, sinkt. Die Diagnose einer psychischen Erkrankung wird zu schnell und zu häufig gestellt.“ Dabei würden genaue Analysen zeigen, dass die Zahl von 33 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer, die innerhalb eines Jahres an einer „etablierten“ psychischen Erkrankung leiden, seit 20 bis 30 Jahren stabil ist. Soziale würden in medizinische Probleme umgewandelt, kritisiert Schneider.

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Mittwoch, 13. Februar 2013

ADHS: „Zappelphilipp-Syndrom“ wird zu häufig diagnostiziert

Ärzte kritisieren „Modekrankheit“ und warnen vor steigendem Medikamentenverbrauch

Die Daten sind erschreckend: Die Zahl der diagnostizierten ADHS-Fälle (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom) stieg in Deutschland zwischen 2006 und 2011 bei den unter 19-Jährigen um 42 Prozent, wie aus dem jüngsten Barmer-Arztreport 2013 hervorgeht. In dieser Altersgruppe erhielten im Jahr 2011 472.000 Buben und 149.000 Mädchen die Diagnose ADHS. Gleichfalls hoch sind dem Report zufolge die Verordnungsraten von Ritalin (Methylphenidat). 2011 wurde das Medikament an rund 336.000 Personen verschrieben. Die höchsten Verordnungsraten finden sich bei Kindern im Alter von elf Jahren. Im Laufe der Kindheit und Jugend dürften damit schätzungsweise 10 Prozent aller Buben und 3,5 Prozent aller Mädchen mindestens einmal Methylphenidat erhalten. 

Anlässlich der Vorstellung des Reports zeigte sich der stv. Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker, besorgt über diese Entwicklung. „Dieser Anstieg erscheint inflationär. Wir müssen aufpassen, dass ADHS-Diagnostik nicht aus dem Ruder läuft und wir eine ADHS-Generation fabrizieren“, betonte Schlenker (Pressemitteilung, online, 29. 1. 2013). Pillen gegen Erziehungsprobleme seien der falsche Weg: Ritalin dürfe nicht per se das Mittel der ersten Wahl sein. Stattdessen komme es auf „trennscharfe Diagnosen“ an. 

Empirische Untersuchungen hatten erst kürzlich gezeigt, dass Psychotherapeuten und Kinderpsychiater sich zu häufig auf ihre Intuition und die Kennzeichen eines Prototyps für ADHS verlassen statt sich eng an die gültigen Diagnosekriterien zu halten (Pressemitteilung der Ruhr Universität Bochum, online, 30. 3. 2012). Insbesondere bei Buben stellten sie deutlich mehr Fehldiagnosen als bei Mädchen, so die Ergebnisse der deutsch-schweizerischen Studien, wobei Männer eher zu dieser Diagnose neigten als Frauen. Die Ausgaben für ADHS-Medikamente haben sich von 1993 bis 2003 verneunfacht – beispielsweise für das leistungssteigernde Methylphenidat. 

Die Reportautoren Thomas G. Grobe und Friedrich W. Schwartz vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG) in Hannover ermittelten zudem einige Eltern-abhängige Faktoren, die das Risiko für eine ADHS-Diagnose und die Verordnung von Medikamenten wie Methylphenidat bei Kindern beeinflussen, und kommen zum selben Schluss wie eine schwedische Studie (vgl. IMABE-Newsletter Juni 2010 Public Health: Schwierige Familienverhältnisse begünstigen ADHS bei Kindern). Demnach steigt mit niedrigem Ausbildungsniveau der Eltern das Risiko der Kinder für ADHS, ebenso bei Kindern von Alleinerziehenden. Kinder arbeitsloser Eltern sind häufiger von der Störung betroffen, bei Kindern von Gutverdienern wird sie tendenziell seltener diagnostiziert. 

Ein internationales Forscherteam arbeite derzeit an einer nicht-medikamentösen Behandlung von ADHS, berichtet der Standard (online, 5. 2. 2013). Die bisherigen Ergebnisse für diese Therapieform sind noch zu dünn. Um eine eindeutige Aussage treffen zu können, müssten dringend mehr verblindete Studien her, um wissenschaftlich aussagekräftig zu sein.

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Montag, 16. April 2012

USA: Kampagne gegen unnötige kostspielige Diagnoseverfahren

Patientenwünsche sollten in deren eigenem Interesse restriktiver behandelt werden

Die Gesundheitssysteme stöhnen unter der steigenden Last der Kosten. Eine wichtige Triebfeder dafür sind offenbar unnötige medizinische Tests und Verfahren, wie das American Board of Internal Medicine Foundation (ABIM), eine US-amerikanische Dachorganisation von Ärzten und Verbraucherorganisationen kritisierte, berichtet die Washington Post (online 12.4.2012). Sie haben nun eine Liste von insgesamt 45 Tests, Medikamenten und Diagnostikverfahren erstellt, die zu oft verordnet werden und teilsweise sogar zu Schäden für den Patienten führen. Mit der vom ABIM geförderten Kampagne „Klug wählen“ („Choosing Wisely“) soll nun erreicht werden, dass Ärzte und Patienten anhand konkreter Fragestellungen (vgl. „Five Things Physicians and Patients Should Question“) klarer miteinander sprechen, damit es zu einer "besseren Entscheidungsfindung" komme, so Geschäftsführerin Christine K. Cassel. Dies würde überdies zu einer Reduktion der Ausgaben führen.

Laut einem Bericht der National Academy of Sciences von 2005 waren 30 Prozent der US-Gesundheitsausgaben unnötig. Neuere Studien würden zu ähnlichen Zahlen kommen, was einer Summe von 600 bis 700 Milliarden US-Dollar jährlich entspräche.

Das Patientenwohl steht auch im Mittelpunkt: Nicht selten würden nämlich die Patienten mit Forderungen nach Röntgen oder CTs kommen, um auf „Nummer Sicher“ zu gehen – ohne dabei die schädliche Strahlung zu bedenken bzw. die Risken von unnötigen Operationen oder anderen invasiven Verfahren.

Die oben angeführte Liste ist online abrufbar unter choosingwisely.org, wobei jede Fachgesellschaft fünf Verfahren aus ihrem Bereich nannte, die ihrer Erfahrung nach oft übertrieben angewandt werden oder überflüssig sind.

Quelle: IMABE-Newsletter April 2012

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