Dienstag, 11. Februar 2014

Euthanasie: Kritiker warnen vor Pseudo-Autonomie und Ökonomisierungsdruck

Altersdepression ist behandelbar, Gesetze haben Schutzfunktion, Töten heißt versagen

Depression im Alter wird oft übersehen, vor allem in Altersheimen. Experten gehen davon aus, dass 14 Prozent aller älteren Menschen, die in Pflegeeinrichtungen wohnen, depressiv sind – deutlich mehr als Gleichaltrige, die in ihren eigenen vier Wänden wohnen. Psychotherapeutische Hilfe findet für die Betroffenen – in Deutschland geht man von 100.000 Menschen aus – aber nicht statt, berichtet der Tagesspiegel (online, 21. 1. 2014). 

„Während Psychologen in Kinder- und Jugendheimen fester Bestandteil des Personals sind und es regelmäßige ärztliche Visiten gibt, fehlen sie in Pflege- und Senioreneinrichtungen“, sagt Eva-Marie Kessler von der Abteilung für Psychologische Alternsforschung der Universität Heidelberg. Im Rahmen des Forschungsprojekts Psychotherapie der Depression im Seniorenheim (PSIS) werden nun in Berliner Einrichtungen erstmals auch betagte Menschen mit Depressionen (im Alter von 69 bis 95 Jahren) auf Kosten der Krankenkasse behandelt. Erste positive Ergebnisse wie Motivation, Lebensmut und erhöhte Eigenaktivität seien bereits bemerkbar, die Ergebnisse der Studie sollen Grundlage interdisziplinärer Strategien für ein Angebot zur Behandlung depressiver Störungen im Alter bieten. 

Wenn offenbar jeder siebte Altersheimbewohner an Depression leidet, sein Leben als sinnlos und sich selbst zunehmend als Last empfindet: Wie lässt sich da noch von Autonomie beim Wunsch nach Beihilfe zum Suizid sprechen? 

Alte Menschen seien besonders „vulnerabel“, betont auch Thomas Klie, Jurist und Altersforscher in der Frankfurter Rundschau (online, 29. 1. 2014). Wenn sich Prominente oder junge Menschen selbst öffentlich als „Pflegefall“ oder „Idiot“ die Würde absprechen, habe das einen eitlen Beigeschmack, würde aber darüber hinaus eine ganze Bevölkerungsgruppe entwerten. „Unsere Kultur lebt davon, dass wir auch an den Grenzen des Lebens zueinanderstehen“, betont Klie. Gesetze hätten auch Schutzfunktion. Fallen diese Schranken weg, sinke auch die moralische Schwelle für Tötungshandlungen. Ein empirischer Beleg dafür seien die Niederlande: Die Zahl der gemeldeten Euthanasiefälle stagniere dort, zugleich würden die nicht legalisierten Patiententötungen zunehmen, wobei Ärzte die Tötung mit einem zu hohen Leidensdruck für die Angehörigen rechtfertigen. Auch gesundheitsökonomische Interessen würden hier neben Mitleid eine immer größere Rolle spielen. Aus diesem Grund lehnt der Sozialexperte einen gesetzlich geregelten assistierten Suizid oder aktive Sterbehilfe entschieden ab. „Sie würde ein sozialverträgliches Frühableben provozieren“ und Menschen in diese Opferrolle drängen. 

In Österreich, wo die ärztliche Beihilfe zum Suizid unter Strafe steht, bleibt die öffentliche Debatte in Gang. Erst kürzlich hatte sich der Politologe Thomas Schmidinger (Universität Wien) als „bekennender Atheist“ klar gegen Beihilfe zum Selbstmord ausgesprochen, ebenso der Historiker und langjährige Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, Wolfgang Neugebauer (vgl. Standard, online, 30. 1. 2014).

Fotos:  Screenshot Tagesspiegel

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Dienstag, 14. Mai 2013

Mental Health: Soziale Probleme werden in Krankheiten umdefiniert

Scharfe Kritik am ab Mai 2013 gültigen neuen Handbuch zur Definition psychischer Erkrankungen

Die Kontroversen rund um die Neuauflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, kurz DSM-5, spitzen sich zu. Das neue 1000-Seiten-Nachschlagewerk für Psychiater zur Klassifizierung psychischer Erkrankungen soll bei der Jahrestagung der American Psychiatric Association, die von 18. bis 22. 5. 2013 in San Francisco stattfindet, präsentiert werden.

Der amerikanische Psychiater Allen Frances von der Duke University gilt als einer der schärfsten Kritiker des DSM-5 (vgl. IMABE-März 2012 Psychiatrie: Mediziner warnen vor Erfindung von Pseudo-Krankheiten). Frances hält das neue Handbuch für „schlampig“ und „nicht wissenschaftlich fundiert“. „Eine Petition für eine unabhängige wissenschaftliche Überprüfung, die 56 psychiatrische Organisationen unterstützt hatten, wurde einfach ignoriert“, schreibt Frances im New Scientist (online, 5. 5. 2013). Die Pharmaindustrie habe die Idee vorangetrieben, alltägliche Probleme seien psychische Krankheiten und die Folge eines chemischen Ungleichgewichts. Anstatt sichere Kriterien für den klinischen Alltag zu geben, würden „neue Erkrankungen“ eingeführt, die eine „Traumliste für Forscher“ seien und „ein Albtraum für die Patienten“. Frances kritisiert unter anderem eine zunehmende Uminterpretation normaler menschlicher Gefühle zu schweren psychischen Erkrankungen – etwa Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen. Zwei Wochen Traurigkeit, Schlafstörungen und der Verlust von Appetit seien aber völlig normale Anzeichen bei Trauer – und keine depressive Störung, so der Psychiater.

Nun erteilte auch das US-amerikanische National Institute of Mental Health (NIMH) dem neuen Handbuch eine Absage. Man werde sich nicht an die ihrer Ansicht nach unbrauchbare Neu-Klassifizierung von Krankheiten halten, wenn es um die Vergabe von Forschungsgeldern geht, und statt dessen eigenen Nomenklaturen folgen, so NIMH-Direktor Thomas R. Insel in einem offenen Brief (online, 29. 4. 2013). Das Institut vergibt rund 1,5 Milliarden US-Dollar jährlich zur Erforschung psychischer Erkrankungen.

Das DSM-5 beeinflusst maßgeblich den Diagnoseschlüssel der WHO, den ICD-10, der auch für Ärzte und Psychologen in Österreich und Deutschland gilt – und nach dem bestimmt wird, für welche Krankheiten die Krankenkassen eine Therapie zahlen.

Wolfgang Schneider, Direktor der Rostocker Universitätsklinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin, betrachtet die seit den 1990er Jahren stetig steigenden Zahlen von Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen mit großer Skepsis, berichtet das Deutsche Ärzteblatt (online, 29. 4. 2013) „Es gibt eine große Bereitschaft von Menschen, sich als psychisch belastet anzusehen und sich deswegen krankschreiben zu lassen“, so Schneider. Sie folgten dem medialen Hype um das Burn-Out-Syndrom. „Die Schwelle, ab wann Symptome als Ausdruck einer psychischen Erkrankung bezeichnet werden, sinkt. Die Diagnose einer psychischen Erkrankung wird zu schnell und zu häufig gestellt.“ Dabei würden genaue Analysen zeigen, dass die Zahl von 33 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer, die innerhalb eines Jahres an einer „etablierten“ psychischen Erkrankung leiden, seit 20 bis 30 Jahren stabil ist. Soziale würden in medizinische Probleme umgewandelt, kritisiert Schneider.

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Dienstag, 15. November 2011

Public Health: Modewort „Burnout“ ist zu unpräsize

„Krankheit“ Burnout gibt es diagnostisch nicht, dahinter steht häufig eine Depression

Vor einem inflationären Gebrauch des Modewortes „Burnout“ hat die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. „Auch wenn zu begrüßen ist, dass hierdurch die große Bedeutung psychischer Erkrankungen deutlicher und die diesbezügliche Sensibilität erhöht wird, so wird der inflationäre Gebrauch des schwammigen Begriffs Burnout von vielen Betroffenen und Experten aus mehreren Gründen als Verwirrung stiftend, irreführend und längerfristig Stigma verstärkend eingeschätzt“, berichtet das Deutsche Ärzteblatt (online 3.11. 2011).

Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, wies darauf hin, dass der Begriff „Burnout“ nicht klar definiert sei. Entsprechend gäbe es für die psychischen Störungen, die unter Burnout zusammengefasst würden, auch keine Behandlungen mit Wirksamkeitsbelegen aus methodisch guten Studien.

Ein Großteil der Menschen, die wegen „Burnout“ eine längere Auszeit nähmen, liet in Wahrheit an einer depressiven Erkrankung. Dazu gehöre auch das Gefühl tiefer Erschöpftheit. Problematisch und nicht selten in gefährlicher Weise irreführend sei dabei, dass der Begriff „Burnout“ eine Selbstüberforderung oder Überforderung von außen als Ursache suggeriere, was mit einem ruhigeren Lebensstil bewältigt werden könnte. Verberge sich hinter diesem Begriff aber eine depressive Erkrankung, so seien dies keine empfehlenswerten und oft sogar gefährliche Gegenmaßnahmen. Menschen mit depressiven Erkrankungen reagierten zum Beispiel auf längeren Schlaf und eine längere Bettzeit nicht selten mit Zunahme der Erschöpftheit und Stimmungsverschlechterung.

Eine Vermengung von Stress, Burnout und Depression führe zu einer Verharmlosung der Depression. „Stress, gelegentliche Überforderungen und Trauer sind Teil des oft auch bitteren und schwierigen Lebens und müssen nicht medizinisch behandelt werden“, hieß es aus der Stiftung.

Depressionen dagegen seien eine schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung. Die Verharmlosung der Depression verstärke das Unverständnis gegenüber depressiv Erkrankten und das damit assoziierte Stigma. „Der beste Weg zu einem optimalen Umgang mit der Erkrankung Depression ist es, eine Depression auch Depression zu nennen“, betonte Hegerl.

Quelle: IMABE-Newsletter November 2011

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Dienstag, 12. April 2011

Deutschland: Ärzte besorgt über exzessiven Medienkonsum Heranwachsender

USA-Experten warnen vor Facebook-Depression bei Jugendlichen

Kinder- und Jugendärzte sind besorgt über die Fernseh- und Internetnutzung von Heranwachsenden. „Der Medienmissbrauch mit all seinen psychosozialen und gesundheitlichen Folgen ist eine neue Herausforderung“, hieß es beim Jahreskongress des Deutschen Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, berichtet die Nachrichtenagentur dapd (11.03.2011). Allerdings wolle man die Medien nicht generell verteufeln: „Erst die Dosis macht das Gift“, sagte Tagungsleiter Uwe Büsching. Dass Kinder und Jugendliche sich vielfach nicht mehr direkt zum Spielen treffen, verändere das Sozialverhalten gegenüber früher. Folgen seien u. a. mangelnde Fähigkeiten der Konfliktbewältigung. Zudem gebe es einen Zusammenhang zwischen exzessivem Internetkonsum einerseits, und zunehmender Dickleibigkeit sowie sinkender Sportlichkeit von Heranwachsenden andrerseits. Zur Begründung ihrer Sorge verwiesen die Fachmediziner auf Zahlen des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen. Demnach besitzen inzwischen mehr als 60 Prozent aller Jugendlichen einen eigenen Fernseher und etwa 70 Prozent verfügten über einen eigenen Computer. Diese Geräte nutzen beispielsweise 15-jährige Mädchen täglich mehr als sechs Stunden, bei gleichaltrigen Buben seien es sogar rund 7,5 Stunden.

In den USA warnen Kinder- und Jugendärzte inzwischen auch vor „Cyber-Mobbing“ und vor dem trügerischen Bild, das Netzwerke wie Facebook Jugendlichen vermitteln, berichtet Focus (online, 1.4.2011). Die Menschen sind scheinbar immer glücklich, beliebt, aktiv und attraktiv. Dies verstärkt bei depressiv gestimmten Kindern noch das Gefühl der Einsamkeit und Traurigkeit. US-Experten sprechen sogar schon von „Facebook-Depression“ (vgl. O'Keefe G., Chrildren's Healthcare Medical Associates). Sie haben einen Medienleitfaden herausgegeben, der den Einfluss sozialer Netzwerke auf Kinder, Jugendliche und Familien kritisch beleuchtet.

Quelle: IMABE-Newsletter April 2011

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