Donnerstag, 5. September 2013

Public Health: Jeder dritte psychisch Kranke geht zur Arbeit

Betroffene verschweigen aus Angst gegenüber Arbeitgeber ihre seelische Erkrankung

Aus Angst vor Nachteilen im Job geht mehr als jeder dritte Berufstätige trotz unbehandelter psychischer Erkrankung zur Arbeit. Das geht aus einer Umfrage des deutschen Krankenversicherungträgers DAK-Gesundheit (vormals „Deutsche Angestellten-Krankenkasse“) hervor. Häufig verschweigen die Betroffenen demnach gegenüber dem Arbeitgeber ihre seelische Erkrankung (vgl. Deutsches Ärzteblatt online, 20. 8. 2013). Für den Gesundheitsreport wurden die Daten von 2,7 Millionen erwerbstätigen DAK-Versicherten ausgewertet. 

Die parallel durchgeführte Befragung von 3.000 Männern und Frauen durch das Forsa-Institut zeige laut DAK-Gesundheit, dass psychische Erkrankungen trotz der öffentlichen Debatte um Depressionen und Burnout nach wie vor ein Tabu sind. 65 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen ein Arbeitsausfall durch ein Seelenleiden unangenehmer sei als eine Krankschreibung wegen körperlicher Symptome. Vielen falle es schwer, sich zu ihrer Depression oder Angststörung zu bekennen. 

Jeder dritte Erkrankte glaubt zudem, dass es im Job nur wenig Verständnis dafür geben würde, wenn ein Mitarbeiter wegen seelischer Probleme ausfällt. Viele versuchen deshalb, ihre Probleme zu verheimlichen. Depressionen, Angststörungen und andere Seelenleiden haben in Deutschland dramatisch zugenommen: Psychisch bedingte Krankenhausaufenthalte sind in unserem Nachbarland seit 1990 um 65 Prozent angestiegen. Die Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Krankheiten lag 2010 bei 53,5 Millionen Tagen, rund 20 Millionen Tage mehr als noch zehn Jahre zuvor (vgl. Deutsches Ärzteblatt, online, 28. 8. 2013). 

In Österreich liegt laut Fehlzeitenreport 2011 die durchschnittliche Zahl der Krankenstandstage mit 13,9 Tage etwas niedriger als in Deutschland (14,17 Tage). Psychische Erkrankungen als (diagnostizierte) Krankenstandsursache sind in den vergangenen Jahrzehnten ebenfalls angestiegen (vgl. IMABE, August 2012: Public Health: Immer mehr Krankenstände aufgrund psychischer Erkrankung). Bemerkenswert ist aber, dass der Anteil am gesamten Krankenstandsgeschehen nach wie vor gering ist. Die Zahl der krankheitsbedingten Frühpensionierungen aus psychischen Gründen steigt in Österreich: So sind psychische Erkrankungen inzwischen bei österreichischen Männern die zweithäufigste und bei Frauen sogar die häufigste Ursache von Invaliditätspensionen.

Quelle: IMABE-Newsletter September 2013
Foto: S. Hofschlaeger  / pixelio.de

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Dienstag, 14. Mai 2013

Studie: Frauen haben nach Abtreibung erhöhtes Risiko für psychische Erkrankung

Abtreibungsindikation „seelische Gesundheit der Frau“ ist wissenschaftlich nicht haltbar

Die Beendigung einer unerwünschten Schwangerschaft durch Abtreibung reduziert nicht das Risiko für psychische Probleme, sondern erhöht es. Das ist das Ergebnis einer im Australian and New Zealand Journal of Psychiatry erschienenen Studie (2013, 3.4. doi: 10.1177/0004867413484597), die sich mit den Auswirkungen von Abtreibung auf die seelische Gesundheit von Frauen befasste.

Die Frage nach den psychischen Folgen einer Abtreibung bei Frauen wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Zu den methodischen Problemen kommt, dass zahlreiche Länder die Tötung des Ungeborenen gesetzlich straffrei stellen, wenn die Geburt eines Kindes einen vorhersehbaren und unabwendbaren „schweren Schaden für die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren“ bedeuten würde. Auch in Österreich besteht diese Indikation, bei der einer Abtreibung sozusagen ein therapeutisches Benefit unterstellt wird (die Abtreibung ist in diesem Fall bis zur Geburt möglich, vgl. StGB § 97 Abs 1, Z.2). Deutschland und Großbritannien haben ähnliche Regelungen. In Großbritannien wurden im Jahr 2011 186.000 von 200.000 Abtreibungen mit dem Hinweis auf den Schutz der psychischen Gesundheit der Frau durchgeführt.

Doch ist dieser „therapeutische Effekt“ auch nachweisbar? In einer Übersichtsstudie untersuchte David M. Fergusson, Direktor des Christchurch Health and Development Study (CHDS) an der University of Otago/Neuseeland den Zusammenhang von Mental Health und Abtreibung in Hinblick auf fünf Kategorien: mögliche Angstzustände, Depressionen, Alkoholmissbrauch, illegaler Drogenkonsum und Suizidalität. Das Team um Fergusson stellte fest, dass eine Abtreibung nicht mit einer Reduktion des Risikos für psychische Probleme assoziiert war. Das Gegenteil war der Fall: Nach erfolgter Abtreibung fanden sich Hinweise auf eine moderate Steigerung des Risikos insbesondere für Alkohol- und Drogenmissbrauch, aber auch für Angst und Suizidgefahr.
Die Ergebnisse bestätigen im Wesentlichen, was die weltweit umfangreichste Meta-Analyse, publiziert im British Journal of Psychiatry (2011; 199: 180-186) bereits 2011 gezeigt hatte: 10 Prozent aller psychischen Probleme bei Frauen stehen in direktem Zusammenhang mit einer Abtreibung (vgl. CMFonline, 1. 11. 2013).

Fergusson weist nachdrücklich darauf hin, dass es keine Hinweise gibt, wonach Abtreibung eine therapeutische Wirkung bei der Verringerung der psychischen Risiken hätte im Vergleich zu Frauen, die ein Kind nach unerwünschter oder ungeplanter Schwangerschaft zur Welt brachten. Es sei daher inakzeptabel für Kliniker, eine große Zahl von Abtreibungen aus Gründen zu genehmigen, für die es derzeit keine wissenschaftlichen Beweise gibt, kritisiert Fergusson, der sich selbst als „Pro Choice“-Atheist bezeichnet und in den vergangenen Jahren zahlreiche Studien über den negativen Effekt von Abtreibung auf die psychische Gesundheit publiziert hat (vgl.IMABE-Jänner 2006 Studie: Abtreibung begünstigt Entstehung von Depressionen).

Quelle: IMABE-Newsletter Mai 2013
Foto: © Gerd Altmann/Shapes:Graphicxtras  / pixelio.de 

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Mental Health: Soziale Probleme werden in Krankheiten umdefiniert

Scharfe Kritik am ab Mai 2013 gültigen neuen Handbuch zur Definition psychischer Erkrankungen

Die Kontroversen rund um die Neuauflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, kurz DSM-5, spitzen sich zu. Das neue 1000-Seiten-Nachschlagewerk für Psychiater zur Klassifizierung psychischer Erkrankungen soll bei der Jahrestagung der American Psychiatric Association, die von 18. bis 22. 5. 2013 in San Francisco stattfindet, präsentiert werden.

Der amerikanische Psychiater Allen Frances von der Duke University gilt als einer der schärfsten Kritiker des DSM-5 (vgl. IMABE-März 2012 Psychiatrie: Mediziner warnen vor Erfindung von Pseudo-Krankheiten). Frances hält das neue Handbuch für „schlampig“ und „nicht wissenschaftlich fundiert“. „Eine Petition für eine unabhängige wissenschaftliche Überprüfung, die 56 psychiatrische Organisationen unterstützt hatten, wurde einfach ignoriert“, schreibt Frances im New Scientist (online, 5. 5. 2013). Die Pharmaindustrie habe die Idee vorangetrieben, alltägliche Probleme seien psychische Krankheiten und die Folge eines chemischen Ungleichgewichts. Anstatt sichere Kriterien für den klinischen Alltag zu geben, würden „neue Erkrankungen“ eingeführt, die eine „Traumliste für Forscher“ seien und „ein Albtraum für die Patienten“. Frances kritisiert unter anderem eine zunehmende Uminterpretation normaler menschlicher Gefühle zu schweren psychischen Erkrankungen – etwa Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen. Zwei Wochen Traurigkeit, Schlafstörungen und der Verlust von Appetit seien aber völlig normale Anzeichen bei Trauer – und keine depressive Störung, so der Psychiater.

Nun erteilte auch das US-amerikanische National Institute of Mental Health (NIMH) dem neuen Handbuch eine Absage. Man werde sich nicht an die ihrer Ansicht nach unbrauchbare Neu-Klassifizierung von Krankheiten halten, wenn es um die Vergabe von Forschungsgeldern geht, und statt dessen eigenen Nomenklaturen folgen, so NIMH-Direktor Thomas R. Insel in einem offenen Brief (online, 29. 4. 2013). Das Institut vergibt rund 1,5 Milliarden US-Dollar jährlich zur Erforschung psychischer Erkrankungen.

Das DSM-5 beeinflusst maßgeblich den Diagnoseschlüssel der WHO, den ICD-10, der auch für Ärzte und Psychologen in Österreich und Deutschland gilt – und nach dem bestimmt wird, für welche Krankheiten die Krankenkassen eine Therapie zahlen.

Wolfgang Schneider, Direktor der Rostocker Universitätsklinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin, betrachtet die seit den 1990er Jahren stetig steigenden Zahlen von Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen mit großer Skepsis, berichtet das Deutsche Ärzteblatt (online, 29. 4. 2013) „Es gibt eine große Bereitschaft von Menschen, sich als psychisch belastet anzusehen und sich deswegen krankschreiben zu lassen“, so Schneider. Sie folgten dem medialen Hype um das Burn-Out-Syndrom. „Die Schwelle, ab wann Symptome als Ausdruck einer psychischen Erkrankung bezeichnet werden, sinkt. Die Diagnose einer psychischen Erkrankung wird zu schnell und zu häufig gestellt.“ Dabei würden genaue Analysen zeigen, dass die Zahl von 33 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer, die innerhalb eines Jahres an einer „etablierten“ psychischen Erkrankung leiden, seit 20 bis 30 Jahren stabil ist. Soziale würden in medizinische Probleme umgewandelt, kritisiert Schneider.

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Montag, 6. August 2012

Public Health: Immer mehr Krankenstände aufgrund psychischer Erkrankung

Seelische Krankheit als Hauptursache für Invaliditätspensionen bei Frauen in Österreich

In den vergangenen fünf Jahren sind Krankschreibungen infolge psychischer Erkrankungen um 60 Prozent angestiegen. Das geht aus dem im Juni 2012 veröffentlichten Gesundheitsreport 2012 der Deutschen Techniker Krankenkasse (TK) hervor. Während zwischen 2000 und 2005 vor allem arbeitslose Erwerbspersonen überdurchschnittlich von psychisch bedingten Krankschreibungen betroffen waren, sind es seit 2006 vor allem Berufstätige, darunter besonders Arbeitnehmer mit hoher Mobilität sowie Menschen in Dienstleistungsunternehmen.

Aktuell werden 12,5 Prozent aller betrieblichen Fehltage in Deutschland durch psychische Erkrankungen verursacht. Der Anteil der Fehltage an allen Krankschreibungen hat sich laut Deutscher Bundestherapeutenkammer seit dem Jahr 2000 etwa verdoppelt. Psychische Erkrankungen führen zu besonders langen Fehlzeiten von durchschnittlich 30 Tagen. Depressiv erkrankte Arbeitnehmer fehlen durchschnittlich sogar 39 Tage. Nach jüngsten Berechnungen der Deutschen Bundesregierung entstehen den Unternehmen jährlich durch psychische Krankheiten Produktionsausfälle von 26 Milliarden Euro.

Berufspendler wären häufiger und langwieriger von psychischen Krankheiten betroffen, heißt im Report. Wohnort- und Arbeitsplatzwechsel sowie höheres Alter steigerten das Risiko. Frauen seien häufiger seelisch belastet, was die Autoren u. a. darauf zurückführen, dass sie Dienstleistungsberufe (Erziehung, Pflege usw.) häufiger ausübten. Außerdem komme bei Frauen zwischen Mitte 30 und Mitte 50 die Doppelbelastung durch Karriere und Familie mehr zum Tragen. Umfragen haben wiederholt gezeigt, dass Depressionen, Stress und Angstkrankheiten zu jenen gesundheitlichen Problemen zählen, die am häufigsten von Beschäftigten im Zusammenhang mit ihrem Arbeitsplatz erwähnt werden. Insgesamt waren die Versicherten der TK, auf deren Daten der Gesundheitsreport basiert, im vergangenen Jahr 12,8 Tage krankgeschrieben. Gut zwei Tage entfielen dabei auf die Diagnose Psychische Störungen.

In Österreich sind psychische Erkrankungen als (diagnostizierte) Krankenstandsursache in den vergangenen Jahrzehnten ebenfalls angestiegen. Bemerkenswert ist jedoch, dass ihr Anteil am gesamten Krankenstandsgeschehen nach wie vor sehr gering ist, sagt Thomas Leoni vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung und Studienautor des Fehlzeitenreports 2011. Die Zahl der krankheitsbedingten Frühpensionierungen aus psychischen Gründen steigt dagegen hierzulande dramatisch an: So sind psychische Erkrankungen inzwischen bei österreichischen Männern die zweithäufigste und bei Frauen sogar die häufigste Ursache von Invaliditätspensionen.

Quelle: IMABE-Newsletter August 2012

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