Dienstag, 19. November 2013

Studie: Keine Patientenaufklärung über mögliche Fehldiagnosen bei Screenings


http://www.harding-center.com/

80 Prozent wollen mehr Information, wenngleich die Mehrheit trotz potentiellem Schaden das Service nutzen wollen

Die Sinnhaftigkeit von flächendeckenden Vorsorge- bzw. Screening-Untersuchungen wird in den letzten Jahrzehnten angesichts der Datenlage kontroversiell diskutiert (vgl. IMABE, 2011: Studie: Erwartungen in Nutzen von Vorsorgeuntersuchungen häufig überzogen; IMABE, 2012: Prävention: Nutzen von Mammographie-Screening fraglich). So kommen laut Studien auf eine vor dem Brustkrebstod bewahrte Frau etwa zehn überdiagnostizierte und überbehandelte Frauen. Falsch positive Befunde für Krebs führen zu hohen Kosten durch unnötige Therapien – Operationen, Chemotherapien usw. – und lösen bei den Betroffenen große psychische Belastungen aus. 

Über das Risiko von Überdiagnose und Überbehandlung würden Patienten jedoch nicht von Ärzten aufgeklärt. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle, in JAMA Internal Medicine publizierte Studie (doi:10.1001/jamainternmed.2013.10363). 

„Überdiagnose ist das Auffinden von Pseudokrebs. Damit sind Gewebeveränderungen gemeint, die der pathologischen Definition von Krebs genügen, jedoch nie zu einem Tumor voranschreiten, der Symptome verursacht oder gar tödlich ist“, sagt Odette Wegwarth, die gemeinsam mit Gerd Gigerenzer vom Harding Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin die Studie geleitet hat. 

Befragt wurden insgesamt 317 US-amerikanische Frauen und Männer im Alter von 50 bis 69 Jahren – jene Altersgruppe, die Krebsfrüherkennung am häufigsten nutzt. 83% der Befragten gaben an, eine oder mehrere Krebsfrüherkennungsmaßnahmen regelmäßig zu nutzen, davon wären aber nur neun Prozent von ihrem Arzt über Überdiagnose und Überbehandlung im Vorfeld informiert worden. Der Wunsch nach Information sei aber offensichtlich da: 80% der Befragten gab an, über mögliche Schäden informiert werden zu wollen – und zwar bevor sie sich einem Früherkennungsverfahren unterziehen. 

Wenig rational erscheint es allerdings, dass dennoch die Mehrheit der Befragten nicht auf eine Krebsfrüherkennung verzichten würde. Aus der Perspektive der Patienten, die in dieser Situation emotional verwundbar sind, ist dieses Verhalten durchaus verständlich, erklärt Johannes Bonelli, IMABE-Direktor und Internist. Die Studie bestätige den seit langem bekannten Nachholbedarf in der Risikokommunikation und Schulung von Ärzten, damit sie selbst Statistiken richtig verstehen und Patienten gut beraten können.

 

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Montag, 9. Mai 2011

Großbritannien: Genetisches Screnning-Programm für Paare mit Kinderwunsch

Determinismusdenken begünstigt Eugenik, sagen Kritiker

Die britische Beratungskommission in humangenetischen Fragen (Human Genetic Commission, HGC) schlägt vor, ein genetisches Screening-Programm bei Paaren mit Kinderwunsch durchzuführen, wenn Verdacht auf vererbbare Erkrankungen besteht. Die Initiative war vom Screening-Komitee der Regierung ausgegangen (vgl. Lancet, 2011, 377:1290). Laut HGC bestehen keinerlei Einwände, doch müsse die Struktur eines solchen Programms gut überlegt sein: Die Leute sollten - neben entsprechender Beratung - auch genug Zeit zum Nachdenken über ihre Entscheidungen erhalten. Genetische Tests bei Paaren mit Kinderwunsch sollen Träger von genetischen Mutationen identifizieren, durch die genetische Störungen auf das Kind übertragen werden können. Je nach Ergebnis kann das Paar seine Fortpflanzungswünsche adaptieren. Wenn z.B. ein Partner als Träger des Gens für zystische Fibrose identifiziert wird, könne eine künstliche Befruchtung angeboten und ein etwaig „erkrankter“ Embryo" entsorgt werden.

Schon seit 2009 bietet das britische Gesundheitssystem Tests für Frauen an, deren Verwandte wegen einer Genmutation an Krebs erkrankt sind (vgl. IMABE-Newsletter Februar 2009). IVF-erzeugte Embryonen werden bei Vorhandensein eines sogenannten Risiko-Gens vernichtet, obwohl bekannt ist, dass Krankheiten wie Brustkrebs oder Alzheimer weder zwingend ausbrechen, noch allein auf ein bestimmtes Gen rückführbar sind.

Helen Wallace von Gene Watch UK nennt den Screnning-Vorstoß "gefährlich und irreführend". Josephine Quintavalle von Comment on Reproductive Ethics bezeichnet den HGC-Bericht als viel zu "freundlich im Umgang mit genetischem Determinismus". In der Öffentlichkeit würden solche Berichte als großartige neuartige Heilungen gehandelt, was besorgniserregend sei. „Man kann den Träger des Erbmerkmals umbringen, aber das heilt noch lange nicht die Krankheit oder schafft sie gar aus der Welt. Wir haben es hier nur mit einer modernen Spielart der Eugenik zu tun."

Quelle: Imabe-Newsletter Mai 2011

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