Dienstag, 8. Juli 2014

Medizinjournalismus: Maßstäbe zwischen Information und Marketing verschwimmen

Deutsche Wissenschaftsakademien stellen Empfehlung für eine qualitätsvolle Berichterstattung vor

In der Branche des Wissenschaftsjournalismus wächst das Unbehagen über die sinkende Qualität der Berichterstattung. Die Grenzen zwischen Information und Marketing würden verschwimmen, schreiben der Kommunikationswissenschaftler Holger Wormer von der Technischen Universität Dortmund und der Soziologe Peter Weingart in der Zeit (online, 6. 7. 2014). Journalisten übernehmen Pressemitteilungen von Forschungseinrichtungen häufig zu unkritisch. Angesichts knapper Forschungsmittel bestehe einerseits der Druck von Universitäten und Einrichtungen, ihre Erfolge zu präsentieren. Andererseits würden auch die Medien unter ökonomischem Druck stehen. „Redakteursstellen werden abgebaut (wobei die Wissenschaftsressorts mangels ausreichender Lobby oft zu den ersten Opfern gehören), es fehlen Zeit und Geld für gründliche Recherchen“, so die Autoren. Eine Handhabe für mehr Qualität sollen die nun präsentierten Empfehlungen Zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien (Pressemitteilung, online, 17. 6. 2014) der deutschen Wissenschaftsakademien bieten.
Die Empfehlungen sind kritisch im Hinblick auf die Medien wie auch selbstkritisch im Hinblick auf die Wissenschaft und ihre Kommunikation. „Gefragt sind nicht nur Journalisten, sondern auch Pressestellen, Forscher, Universitätsleitungen und nicht zuletzt die Politiker. Denn sowohl Wissenschaft wie Journalismus sollten sich einer sachlich-aufklärerischen Kommunikation verpflichtet fühlen.“ Die Errichtung eines Wissenschaftspresserats und eines unabhängigen Science Media Centers zählt zu den Vorschlägen, die die Qualität der Berichterstattung über wissenschaftliche Sachverhalte sichern sollen.

Als Hilfen für Qualitätssicherung stehen Journalisten derzeit folgende Foren zur Verfügung: Der Medien-Doktor ist ein seit 2010 bestehendes Online-Angebot von Journalisten für Journalisten, angesiedelt am Lehrstuhl Wissenschaftsjournalismus der Technischen Universität Dortmund. Mit Hilfe eines Gutachterpools aus Journalisten werden mehrmals pro Woche medizinjournalistische Beiträge aus deutschen Print-, TV-, Hörfunk- und Online-Medien nach definierten Kriterien beurteilt. In Österreich nimmt das Online-Portal Medizin-Transparent.at hiesige Presseberichte unter die Lupe. Erwähnenswert ist auch das MedizinMag, das als Checkliste sich auch für Journalisten eignet, die nicht täglich mit Medizinthemen zu tun haben und sie bei der korrekten Recherche und Einschätzung medizinischer Themen unterstützt. Es beruht auf den Arbeiten von medien-doktor.de und dessen internationaler Vorbilder (healthnewsreview.org).

Fotos:  © Tim Reckmann  / pixelio.de

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Dienstag, 11. Februar 2014

Forschung: Wissenschaftselite will mehr Qualität und weniger Forschungsmüll

Nobelpreisträger Schekman fordert zum Boykott der „Luxusmagazine“ Nature und Science auf

Im Forschungsbetrieb wird zu viel Unwichtiges produziert, die Anreizsysteme von Forschungseinrichtungen und Instituten seien oft unsinnig, Geld werde verschleudert und schließlich Patienten geschädigt: Wissenschaftler sind bereit, darunter auch Nobelpreisträger, öffentlich zu thematisieren, dass hier offenbar etwas falsch läuft. 

Der Biologe Randy Schekman, Medizinnobelpreisträger von 2013, nutzte seine Auszeichnung, um den laufenden Wissenschaftsbetrieb scharf zu attackieren. „Die Tyrannei der Luxusmagazine muss gebrochen werden“, so Schekman in einem Gastkommentar in The Guardian (online, 9. 12. 2013). Er richtete sich gegen die großen Journals wie Science, Nature und Cell. Der Druck, in diesen Magazinen zu publizieren, verleite dazu, eher angesagter statt wirklich wichtiger Forschung nachzugehen. Die Chefredakteure seien „keine Wissenschaftler, sondern Fachleute, die Furore machenden Studien den Vorzug geben und dabei so restriktiv vorgehen wie Modedesigner bei Limited- Edition-Handtaschen“, sagte Schekman. Er selbst und seine Kollegen würden ab sofort nicht mehr in diesen Journals veröffentlichen und riefen alle Forscher zum Boykott auf. 

The Lancet hat die Debatte um die Zukunft des Wissenschaftsbetriebs im Jänner 2014 in einem einzigartigen Dossier unter dem Titel Research: increasing value, reducing waste nun aufgegriffen. Die Autoren legen dar, wie die Qualität in der Forschung verbessert und Verschwendung verringert werden kann How should medical science change? (dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(13)62678-1), und zeigen auf, welche ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Faktoren eine zentrale Rolle in der Vergabe von Forschungsgeldern spielen, wobei der Nutzen für den Patienten dabei immer mehr ins Hintertreffen gerät (doi:10.1016/S0140-6736(13)62329-6). Die Debatte hat Spiegel online (8. 1. 2014) ausführlich dokumentiert und mit weiterführenden Links versehen. 

Nobelpreisträger Schekman hatte auch am System des sogenannten Impact Factors – die Qualität eines Journals wird daran bemessen, wie oft seine Veröffentlichungen zitiert werden – kein gutes Haar gelassen: „Eine Arbeit kann zitiert werden, weil sie gut ist, oder aber weil sie provokativ, auffallend oder falsch ist“, kritisiert der Biologe. Als Alternative favorisiert er das Modell der Open-Access Magazine (wie das von ihm mit-herausgegebene eLife Journal). Sie erlauben den kostenfreien Zugang zu wissenschaftlicher Literatur und würden unter Einhaltung aller notwendigen Qualitätskriterien fairer publizieren, da sie eine größere Anzahl an Artikeln veröffentlichen können als die Luxusmagazine und nicht auf Abonnenteneinnahmen angewiesen sind.
Inzwischen ist auch im British Medical Journal (2014; 348: g171) eine Debatte losgetreten worden, ob medizinische Journals pharmagesponserte Studien in Zukunft überhaupt noch veröffentlichen sollen (vgl. Deutsches Ärzteblatt, online, 21. 1. 2014).

Foto:  © Guenter Hamich / pixelio.de

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